Was haben Paradoxien und Ambivalenzen gemeinsam?
Bei Paradoxien handelt es sich um Gegensätzlichkeiten in der äußeren Welt, die nicht vereinbar miteinander sind. Ambivalenzen hingegen sind innere Widersprüche, die sich häufig als innere Spannungen auswirken und in dem Fall das Leben (z.B. Entscheidungen) erschweren.
Für beide gilt es, Wege zu finden, mit beiden Seiten umzugehen. Also Paradoxien nicht etwa zu beseitigen, sondern Wege zu finden, sie zu akzeptieren oder – systemisch gesprochen – sie zu nutzen. Das ist bei Ambivalenzen praktisch ganz ähnlich:
Wir brauchen Wege, die Ambitendenzen auszuhalten und ihnen ein Recht zu geben und so einen dritten Weg zu finden.
Also, was können wir ganz praktisch tun, um mit Paradoxien und Ambivalenzen zielführend umzugehen?
Reflexionsfragen
Allgemein:
- Wo erleben wir in unserem Team/in unserer Familie aktuell besonders stark ein Spannungsfeld?
- Neigen wir dazu, einen Pol zu bevorzugen und den anderen zu vernachlässigen?
- Wie sähe ein „Sowohl–als–auch“ aus, das beide Seiten würdigt?
Beispiele:
- Stabilität vs. Veränderung:
Welche unserer Routinen geben uns Halt – und wo hemmen sie uns? - Autonomie vs. Zugehörigkeit:
Wo fühlen wir uns frei – und wo eingebunden? Ist das Gleichgewicht stimmig? - Effizienz vs. Innovation:
Wann sind wir zu sehr im „Abarbeiten“ – und wo nehmen wir uns Raum zum Ausprobieren? - Nähe vs. Distanz:
Haben wir genug Begegnung, um Vertrauen zu spüren?
Haben wir genug Distanz, um uns nicht zu verlieren? - Transparenz vs. Geheimhaltung:
Wissen wir, warum etwas offen oder vertraulich bleibt?
Ist das nachvollziehbar? Benennen wir das?
Praktische Übungen:
1. Aufstellung der Gegensätze
- Stelle die beiden Pole eines Spannungsfeldes im Raum auf (z. B. links „Stabilität“, rechts „Veränderung“).
- Team-/Familienmitglieder positionieren sich zwischen den Polen – dort, wo sie sich im Moment verorten.
- Jede Person beschreibt kurz, warum sie dort steht und was sie an diesem Pol wichtig findet.
- Danach wechseln die Teilnehmenden bewusst die Seite: „Wie wäre es, wenn ich den anderen Pol einnehmen würde?“
- Abschlussrunde: Welche Brückenideen entstehen, wenn wir beide Seiten anerkennen?

Nutzen: Die Übung macht erfahrbar, dass beide Pole berechtigt sind. Das Team gewinnt Flexibilität im Umgang mit Spannungen.
2. Ambivalenzskulptur
Einzelarbeit
- Welche sind deine 2 Ambivalenzteile, die sich konfliktreich bemerkbar machen?

Gruppenarbeit
- Stelle eine Skulptur aus diesen beiden Teilen. Ein Gruppenmitglied begleitet dich dabei und unterstützt dich.
- Befrage die Teile nach ihrer Befindlichkeit, Art des Kontaktes zueinander. Wenn du dich selbst hinzustellst, wie ist der Kontakt der Teile zu dir und von dir zu den Teilen?
- In welcher Art finden die Teile Kontakt zueinander? Wie beziehen sie sich aufeinander? (Kein Kontakt ist auch ein Kontakt)
- Formuliere das Konfliktgeschehen in einem Satz
- Woher kommt dir dieser Vorgang bekannt vor?
- Wie kannst du beide Teile für dich nutzen? Was musstest du dazu verändern? (in dir oder im Außen)
3. Tetralemma
In Tetralemmaaufstellungen nach Matthias Varga von Kibéd arbeiten wir direkt systemisch damit: Hierbei werden unterschiedliche Positionen eingenommen: Einerseits – Andererseits – Sowohl-als-auch – Weder-noch – nichts von alldem oder: Und selbst das nicht.
Mit letzterem springen wir ganz aus der Gegenüberstellung raus und betrachten etwas ganz anderes.

Nehmen wir eine Paradoxie in Unternehmen: Profit – Selbstverwirklichung von Mitarbeitern.
Beides existiert im Unternehmen nebeneinander. Manche sagen, die Suche nach Profit wird nur verdeckt durch die Aussage: Bei uns können Mitarbeiter sich selber verwirklichen. Und doch kann beides wahr sein. Wenn z.B. bei jeder kleinen Krise rasch Mitarbeiter entlassen werden, wissen wir, dass die Aussage zu den Mitarbeitern nicht ernst gemeint war, sondern der Profit im Vordergrind stand. Grundsätzlich müssen natürlich profitorientierte Unternehmen die Möglichkeit haben, in Krisenzeiten Mitarbeiter zu entlassen. Nur ist dann klar, dass der Profit einen höheren Wert hat als die Selbstverwirklichung der Mitarbeiter.
Das bisher Gesagte ist durch die die ersten 3 Positionen abgedeckt (Einerseits – Andererseits – Sowohl-als-auch). In der Position „Weder-noch“ geht es weder um Profit noch um Selbstverwirklichung von Mitarbeitern. Die beiden Begrifflichkeiten und deren Opposition helfen nicht weiter, es geht um etwas anderes. Was das ist, wird hier noch nicht benannt.
Hier geht es darum, den Fokus auf etwas anderes zu richten und sich von der Paradoxie abzuwenden, um für etwas Neues frei und offen zu sein. D.h. wir geben uns Gelegenheit, unseren Fokus auf etwas anderes zu richten. Und die fünfte Position „Nichts von alldem“ gibt uns darüber hinaus die Möglichkeit, ganz aus dem bisherigen System auszutreten und sich etwas ganz anderem zuzuwenden, das gar nicht mit dem Unternehmen zu tun haben muss.
Was heißt das konkret?
Wenn wir weiter den Blick auf Möglichkeiten im Unternehmen richten bei „Weder-noch“, dann könnte man z.B. die Gestaltung von Arbeitsplätzen vornehmen und eine Umfrage unter Mitarbeitern starten, wie der Arbeitsplatz angenehmer gestaltet werden kann. Das ist nicht automatisch auf Selbstverwirklichung ausgerichtet, sondern nimmt das Gefühl „angenehm“ in den Blick.
Bei der Position 5 könnten wir uns z.B. der Sozialpolitik zuwenden, ohne dass das etwas mit den Auswirkungen der Sozialpolitik aufs Unternehmen zu tun haben muss. Damit treten wir ganz aus dem System Unternehmen hinaus. Welche Auswirkungen das kurz- oder langfristig aufs Unternehmen hat, ist unklar und möglicherweise gibt es die auch nicht. Hier handelt es sich also um die größtmögliche Fokusverschiebung. Ich trete damit ganz aus der Paradoxie raus, ohne mich weiter mit ihr zu beschäftigen.
Bei Familien oder allgemeiner in privaten Kontexten lässt sich das Prinzip ähnlich anwenden. Hier könnte die Paradoxie so benannt werden: Wegen Geld arbeiten müssen und viel abwesend sein einerseits und großen Wert zu legen auf die Beziehungen untereinander. Der Vorgang der Bearbeitung wird ähnlich verlaufen. Die Ergebnisse wirken sich auf den privaten Kontext aus.
Auch für Ambivalenzen lässt sich diese Technik analog anwenden.
Wir freuen uns, wenn ihr uns eure Erfahrungen mit diesen Techniken mitteilt!




