Allmacht und Ohnmacht in der Krisensituation


Auszug aus dem Text von Thomas Weil „Zwischen Allmacht und Ohnmacht. Veränderungen in unsicheren Zeiten“, in: „Veränderung in unsicheren Zeiten“ herausgegeben von H.-G. Andersch-Sattler, Synbooks-Verlag 2021. Zu beziehen über info@synbooks.de oder www.veraenderung-in-unsicheren-zeiten.de

Veränderungen beginnen mit der inneren Haltung

Sie haben etwas mit Selbstakzeptanz zu tun, und sie gehen mit Ambivalenztoleranz einher. Veränderungen irritieren das limbische System – selbst dann, wenn wir uns diese Veränderungen wünschen; denn das limbische System ist das Frühwarnsystem der Säugetiere und reagiert auf mögliche, eingebildete und tatsächliche Gefahren ähnlich schreckhaft. Dem limbischen System ist vorher nicht klar, wie das Veränderungsexperiment ausgeht, ob das Neuland, das wir betreten, genügend Sicherheit bietet. Ist die berechtigte Angst und Aufregung durch Neugier und Lust in Schach zu halten?

Versuch und Irrtum

Erst die Erfahrung wird uns lehren. Erst Erfahrung macht uns klüger. Und diese Hürde gilt es zu nehmen. Lust und Angst gleichzeitig! (…)

Selbstzweifel in diesen Zeiten

Die Gefühle von Einsamkeit und Selbstzweifel nehmen zu. Dazu kommen gesundheitliche Sorgen und wirtschaftliche Ängste. Wir sorgen uns um die Zukunft unserer Kinder und um die Zukunft unserer Jobs. Auch wenn wir diese Umstände nicht selbst verschuldet haben, passiert es schnell, dass wir Schwierigkeiten uns selbst anlasten und an uns selbst zweifeln. Wir fühlen uns als Versager oder kommen uns überflüssig und nutzlos vor, wenn die Coronakrise uns Zwangspausen und Lockdown verordnet und uns aus den bisherigen Sicherheitszonen, unseren täglichen Ritualen und Gewohnheiten hinauswirft. Wir kommen durch diese Pandemie in eine „mentale Verseuchung“ hinein, die in unserem Leben längst Einzug gehalten hat. Weil wir verlernt haben, dass das Leben auch anders als leistungsorientiert, lösungsorientiert und ergebnisorientiert geht.

Persönliche Erfahrung als Coach

In meinen Beratungs- und Coachingsitzungen der letzten Monate habe ich erlebt, dass es ein großes Bedürfnis gibt, sich über das Erleben dieser Krise auszutauschen, bevor man seine eigentlich mitgebrachten Themen anspricht. Die Beeinträchtigungen durch die Krise sind das „prominente“ Thema, das häufig all die anderen Themen überschattet.

  • Was sind absurde Regeln?
  • Was ist nötig und sinnvoll?
  • Woran will ich mich halten, woran nicht?
  • Wer ist in meiner Umgebung unmittelbar oder mittelbar von Corona betroffen?
  • Und wie gehen die Betreffenden damit um?

Das sind Fragen, die immer wieder gestellt werden. Wir brauchen einen Begegnungsraum und ein Gegenüber, um uns zu vergewissern, dass wir mit unserer Art von Krisenbewältigung und kritischem oder ängstlichem Denken nicht allein sind und auch trotz unterschiedlicher Betrachtung nicht aus den gewohnten Beziehungen herausfallen. Vergewisserung, dazuzugehören und nicht allein zu sein.

Das Beziehungsbedürfnis nach Vergewisserung tritt in den Vordergrund

 In Veränderungssituationen tritt das Beziehungsbedürfnis nach Vergewisserung in den Vordergrund. Es ist das zeitintensivste Bedürfnis, gekennzeichnet durch viele Wiederholungen, durch scheinbaren Plauderstil – vorsichtig von „kühlen“ Themen auf „heißere“ Themen kommend. Ist mein Gegenüber auch noch bei mir, wenn ich unpopuläre Thesen vertrete? Hält er mich womöglich für einen Corona-Leugner oder für total überängstlich? Wird er mit mir weiter arbeiten, mich akzeptieren, wenn er erfährt, was ich wirklich denke? Es ist die große Herausforderung an die Fachperson, nichts zu machen, sondern einfach da zu sein, zu verstehen und den Begegnungsraum zu halten. Alles darf da sein, was ausgesprochen werden will. Die Akzeptanz und Bejahung des Anderen ist Voraussetzung und Modell für die Selbstakzeptanz des Klienten.

 

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