Die Angst ist mit uns – ein Kommentar zum Krieg in der Ukraine


Als ich letzten Donnerstag in die Praxis fuhr, hörte ich in die Nachrichten vom Einmarsch Russlands in die Ukraine. Ich begann spontan leicht zu zittern, eine Atmung wurde kürzer und flacher und die Herzschlagrate nah spontan zu. Das alle sind Anzeichen einer Angstreaktion. Dabei war ich innerlich schon darauf vorbereitet. Am Tag zuvor hatte ich zu 2 Personen von meiner Befürchtung gesprochen, dass in der Ukraine zum Krieg kommen könnte. Meine Worte waren wohl durchdacht gewesen, denn die Äußerung Putins ließen kaum einen anderen Schluss zu. Theoretisch hätte ich mich über meine stimmige Prognose freuen können. Aber wer freut sich schon darüber, wenn so eine Prognose sich bewahrheitet? Ich war also kognitiv bestens vorbereitet, dennoch habe ich spontan mit Angst reagiert. Das bestätigt auch bei mir das Wissen, dass sich Angst auf einer anderen Ebene als der des Verstandes abspielt.

Wir Kinder der Nachkriegsgeneration kennen dennoch die Ängste

Ich gehöre ja zur Nachkriegsgeneration, habe also selber keinen Krieg erlebt. Dennoch ist das Wissen über Krieg tief in mir durch die Geschichten meiner Eltern, insbesondere meines Vaters, der bis zu seinem Tod einen Granatsplitter in seinem linken Unterschenkel hatte, der an Flughäfen bei der Sicherheitsuntersuchung immer die Metallsensoren aktiviert hat. Auch wenn er die Geschichte seines Überlebens mit einem gewissen Stolz erzählt hat, so waren doch seine dahinterliegenden Ängste spürbar. In meiner Kindheit waren an vielen Stellen in meiner Heimat-Stadt vom Krieg zerstörte Häuser sichtbar. Dazu kamen die Warnungen der Eltern, keinesfalls die Absperrungen an diesen Ruinen zu übersteigen, weil es dort immer noch aktive Munition aus dem Krieg geben könnte. Ich habe so erlebt, wie lange Krieg nachwirken kann in den Menschen und deren Leid erhalten oder vergrößern kann. Insofern schloss ich mich als Jugendlicher der Anti-Kriegs-Bewegung an.

Putin – Bedrohung und die Wirklichkeitskonstrukte

Nun soll also dieses Leid in unserer Umgebung wieder weitergehen bzw. neu entstehen. Ein machtbesessener alter Mann hat sich eine Welt konstruiert, in der die Unterwerfung anderer und Andersdenkender notwendig ist für sein Heil und das der Nation. Putins Auslassungen erscheinen uns absurd. Sie kommen aus einer Welt der Bedrohung und des Bedrohtseins eines alten einsamen Mannes, der nur noch seine eigene Sichtweise gelten lässt und sich auf diese Weise von dem entfernt, was wir unsere Realität nennen. Natürlich sind wir auch nicht unfehlbar, allerdings nutzen wir öfter den Perspektivwechsel, um uns selber nicht zu sehr festzuzurren in eigenen überkommenen und lieb gewordenen Vorstellungen. Natürlich haben wir in der westlichen Welt auch unsere Wirklichkeitskonstrukte. Diese sind aber immerhin einem Diskurs ausgesetzt. Eine Zeitlang haben wir die Wirklichkeit des russischen Staates und insbesondere die Putins mit ziemlicher Überheblichkeit behandelt. Natürlich finde ich unsere Konstrukte hier besser und möchte sie nicht mit den russischen eintauschen, zumal diese auf viel Unterdrückung im Inneren gründen.

In die Enge getrieben werden… hier ist mit Gegenwehr zu rechnen

Unsere westliche Überheblichkeit, die in Obamas Aussage gipfelte, Russland sei eine Regionalmacht, ist vermutlich Teil unseres Beitrags an der gegenwärtigen Kriegstreiberei Russlands und den Ideologien, die von Putin aus historischen Annahmen, Realitätsverzerrungen und fake news zusammengesetzt werden. Psychologisch betrachtet sind das Bausteine eines Wahnsystems, das das schier Unverständliche in einen anderen Bedeutungsrahmen setzt und so in sich eine gewisse Konsistenz entwickelt. Aber es wäre fatal, Putin zu psychiatrisieren. Er ist eine reale Gefahr für die Menschen in der Ukraine und für uns alle. Wenn er verdeckt mit dem Einsatz von Atombomben droht, so ist ihm der Einsatz dieses Mittels durchaus zuzutrauen. Denn je mehr er sich in die Enge getrieben fühlt einerseits und einige militärische Erfolge in der älteren und kürzeren Vergangenheit zu verzeichnen hat, wird er vor dem Einsatz der Bombe nicht zurückschrecken, wenn sie ihm irgendwie Vorteile zu verschaffen verspricht. Ich hatte schon im ganzen Syrien-Krieg das ungute Gefühl, dass es niemanden zu geben scheint, der Putin in den Weg stellt, ihn begrenzt oder zumindest in eine größere gemeinsame Strategie einbindet. Aber das nur am Rande.

Eigene Ängste und Fragen von Kindern

Die Ängste vor Russland und seinem Machthaber haben also eine reale Basis und gleichzeitig rühren sie innerlich an eigene Ängste. Die Front ist zwar weiter weg als damals im Balkan-Krieg, aber damals hatten wir es nur mit Regionalmächten zu tun und nicht mit einem so hoch gerüsteten und weltpolitisch bedeutsamen System wie heute. Als ich am Freitag nach Hause führ hörte ich im Radio eine Sendung, in der Kinder telefonisch bei Bayern 2 Fragen zu den Ereignissen in der Ukraine stellen konnten. Ein 7-jähriges Mädchen fragte ängstlich, ob sie in ihrem Haus in Nordbayern von den Bomben getroffen werden könne. Der antwortende Fachmann antwortete sehr kindgerecht, erläuterte, wie weit das Kriegsgeschehen weg sei von uns und dass es keine akute Gefahr für ihr Zuhause gebe. Wie es ist, wenn wir uns unter Erwachsenen über die Kriegsereignisse unterhalten und Kinder sind zugegen, habe ich kurz später erlebt, als ich mit meinem Sohn sprach und mein 7-jähriger Enkel hörte zu. Er hat vieles nicht verstanden. Er kannte z.B. das Wort Krieg nicht und auch einige andere Wörter, die mein Sohn und ich benutzt haben. Er hat aber wohl rausgehört, dass wir uns Sorgen gemacht haben. Dafür haben Kinder ein Gespür. Also haben wir versucht, ihm mit einfachen Worten zu erklären, was da passiert, dass es sich um einen Streit handelt zwischen Staaten, wo sich die Beteiligten nicht an die Vereinbarungen halten, die sie einmal getroffen haben. Natürlich wollte auch er wissen, wie weit das weg ist und ob er sich fürchten muss.

Auswirkung auf ohnehin psychisch geschwächte Menschen

Auch bei meinen Patienten bekomme ich die Ängste mit, die durch die Kriegssituation geschürt werden. Die jetzige bedrohliche Situation trifft auf sowieso schon geschwächte Menschen durch die 2 Jahre währende Pandemie und die sozialpolitischen Veränderungen in der Folge. Viele halten nicht mehr so viel aus an Unsicherheiten. Das ist ja das Schlimme, dass die sowieso in ihrer Stabilität geschwächten Menschen nun auch noch den Angriffskrieg verkraften müssen, der nicht spurlos an uns vorbeigehen kann in mindestens finanzieller Hinsicht. Denn die gerade wieder in Gang kommende Wirtschaft wird dadurch einen neuen Dämpfer kriegen, die Energiekosten werden sicher weiter steigen. Außerdem müssen wir das Leid der Ukrainer weiter anschauen, ohne etwas Durchgreifendes tun zu können. So haben wir mal wieder und ein weiteres Kapitel in Bezug auf Ohnmacht aufgeschlagen. Ohnmacht ist sowieso eines der am schlechtesten auszuhaltenden Gefühle. Und davon haben wir inzwischen mehr als genug eingesammelt.

Immer wieder Stabilisierung –  der neue Praxisalltag

In der Praxis heißt das: Wieder die Stabilisierung der Menschen in den Vordergrund stellen, denn ohne eine gewisse Stabilität ist eine emotional lösende Arbeit nicht möglich. Für manche Menschen wiegt das besonders schwierig, nämlich für diejenigen, die selbst großes Leid erfahren haben wie beispielsweise Opfer von Gewalt oder sexueller Gewalt gewesen zu sein. Diese Menschen werden wieder auf eine harte Probe gestellt. Dazu gehören viele Flüchtlinge, viele Menschen, die in der DDR zu den Verfolgten gehörten oder solchen, die aus anderen östlichen Nachbarländern zu uns gekommen sind und unter der kommunistischen Gewalt zu leiden gehabt haben. All die brauchen unseren besonderen Beistand.

Wahrscheinlich gibt es bei Veröffentlichung dieses Artikels schon wieder viele neue Aspekte, die ich nicht berücksichtigen konnte. Dennoch wird einiges von dem, was ich geschrieben habe, gültig bleiben, auch wenn sich die Lage in der Ukraine verschärft haben sollte oder überraschenderweise erleichtert.

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