Vergeben nach Traumata

Übernommene Traumata – Teil 2 – Vergeben

In unserem letzten Artikel über übernommene Traumata schilderte Katharina Neubauer ihre ganz persönliche Erfahrung. Hier schreibt sie weiter und nimmt Bezug auf einen Film, in dem Vergeben gegenüber dem Folterer eine wichtige Rolle spielt.

Schweigen und Verdrängen bei Traumata

Diesem Wunsch, schockierende und traumatische Erlebnisse durch Schweigen und Verdrängen ungeschehen machen zu wollen, bin ich vor ein paar Tagen wieder begegnet in dem Film The Railway Man mit Nicole Kidman und Colin Firth.

Der Film basiert auf der Autobiografie von Eric Lomax, der im Zweiten Weltkrieg als britischer Offizier in einem japanischen Kriegsgefangenenlager gefoltert wurde.

Der Protagonist (Eric Lomax) und seine überlebenden Kameraden haben auch die Verabredung getroffen, über die Folterungen während der Gefangenschaft zu Schweigen. Diese Traumata bewirken, dass natürlich der Krieg weiter in dem Mann wütet und er erlebt in nächtlichen Alpträumen das Grauen wieder und wieder. Seine Frau versucht vergeblich ihm zu helfen. Eine Wende bekommt die Geschichte, als einer der Kameraden über einen Zeitungsartikel erfährt, dass der japanische Folterer lebt und Touristen durch das ehemalige Straflager führt, das zu einer Gedenkstätte umgewandelt wurde. In der Absicht, den Mann zu töten, fliegt der Brite dorthin.

Bedauern und Vergeben

Der Protagonist konfrontiert den Japaner mit seinen Taten. Dieser bedauert seine Gräueltaten zutiefst. Der Brite sucht ihn später wieder auf – gemeinsam mit seiner Frau. Die beiden Männer reden über das Erlebte. Auch der Japaner, Takashi Nagase, erzählt, dass er nie über diese Ereignisse reden konnte. Mit der Zeit entwickelt sich zwischen den beiden Männern eine Freundschaft, die bis ans Lebensende anhielt. Lomax verstarb 2012 mit 93 Jahren.

Es hat mich zutiefst berührt, dass er nach solch schrecklichen Erlebnissen und Traumata vergeben konnte. Es war eine Entscheidung: „Der Hass muss ein Ende haben!“

Als Mensch übe ich mich im Vergeben von Taten, die mich sehr verletzt haben. Das gelingt mal mehr, mal weniger. Abstand hilft mir dabei. Wenn ich mich von Seele zu Seele verbinde, dann geht das ganz gut.

Sich annehmen, Vergeben und Verzeihen mit ROMPC

Als ROMPC-Therapeutin ist das Verzeihungsritual für mich ein wirklich wichtiges Instrument, das viel Entlastung bringen kann. Und, es braucht den richtigen Zeitpunkt!

Wichtig ist, dass die KlientInnen sich erstmal selbst annehmen. Annehmen mit ihrer Trauer, Wut oder auch ihrem Hass. Das ist die Voraussetzung für einen heilsamen inneren Prozess, der mit der Bereitschaft der KlientIn, sich auf den Weg zu begeben, beginnt.

Mit zunehmendem Alter habe ich verstanden, dass wir unsere belastenden Erlebnisse nicht aus unserem Leben entfernen können. Heilung bedeutet nicht, dass traumatische Erfahrungen aus unserem Dasein verschwinden. Fast jeder trägt irgendeine Bürde. Der Weg zu innerem Frieden ist das Annehmen dieser Bürde und die Bereitschaft, die vielen Schritte, die zu dem Annehmen führen oder geführt haben, dankbar zu würdigen und anzuerkennen. Das sind die Schussfäden, die wir selbst in unser Lebensgewebe einfädeln können, um ein neues Muster zu kreieren.

Eric Lomax sagte zu Takashi Nagase sinngemäß (im Film):

Ich werde nie vergessen, was sie mir angetan haben. Aber ich vergebe ihnen vollständig.

Es mussten über vierzig Jahre dafür vergehen.

Das heutige Erleben des Traumas – Vergebung mit der Mutter

Meine Mutter brauchte 63 Jahre, um das Unaussprechliche zu beschreiben. Sie hat mit ihrem Schweigen uns Töchtern eine große Last auferlegt.

Hat sie sich schuldig gemacht? Ja, das hat sie, denn sie hat sich so entschieden.

Und sie hat auch weggeschaut, als wir selber missbräuchlichen Situationen in der Familie ausgesetzt waren. Und das erzeugte erhebliche Belastungen in meinem Leben und dem meiner Schwester. Aber im Wissen um ihre Geschichte kann ich ihr vergeben. Sie hat es so in ihrer Not entschieden.

Sie war Gefangene ihrer eigenen Geschichte.

Und deshalb verzeihe ich ihr.

Und ich nehme mich liebevoll an, wenn ich trauere über diese Geschichte.

Für Frieden ist es nie zu spät

Die Methoden des ROMPC geben uns vielfältige Möglichkeiten, Menschen in ihren Entwicklungs- und Heilungsprozessen zu begleiten und zu unterstützen. Mir jedenfalls haben sie geholfen.

Und Geschichten wie die von Eric Lomax und meiner Mutter geben uns Hoffnung, dass es nie zu spät ist, sich auf den Weg zu machen, um inneren Frieden für ein erfülltes Leben zu finden.

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