Übernommene Traumata und Schweigen

Übernommene Traumata – Teil 1 – Schweigen

Eine berührende und wahre Geschichte über Traumata, das Schweigen und mehr…

SCHam, SCHande, SCHuld

Drei Buchstaben

Drei Buchstaben als Beginn einer Reihe von Begriffen, die wie Fäden zu einer Lebensgeschichte verwoben werden.

SCHock,  SCHwur, SCHweigen

Weitere Worte, die wie der Schuss – so heißen die Fäden, die beim Weben quer durch die Kettfäden gewebt werden – im Lebensgewebe eingefädelt werden.

Ein Lebensgewebe – unbegreifbar, unsagbar, unfassbar.

Und doch millionenfach erlebt und erlitten.

Wo fange ich an?

Es ist die Geschichte meiner Mutter

Eine Geschichte, die durch Schock, Schwur und Schweigen für mich und meine Schwester prägend war. Begann doch unser Lebensweg im Schoß einer multipel traumatisierten Mutter.

„Wir hatten trotz aller Arbeit eine unbeschwerte und sorglose Kindheit. Die war mit einem Schlag zu Ende, als in der Nacht zum 31.Januar 1945 die russischen Panzer in unser Dorf kamen.“

 „Meine Schwester rannte vor Schreck ans Fenster und wurde von einem Granatsplitter tödlich getroffen. Danach war unser Leben eine einzige Katastrophe.“

Es ist noch immer schwer, die Zeilen zu lesen, die unsere Mutter nach 63-jährigem Schweigen für mich und meine Schwester in ein kleines Büchlein geschrieben hat.

Obwohl vieles nur angedeutet wurde, ist ihr Martyrium in jeder Zeile wahrnehmbar, dass sie als 15-jähriges Mädchen bis zur Flucht Ende Juni 1945 ständig (jede Nacht) von russischen Soldaten abgeholt und vergewaltigt wurde. Sie verlor innerhalb eines halben Jahres ihren Bruder, ihre Zwillingsschwester, ihren Vater, ihre Heimat – alles, was ihr irgendwie Halt gegeben hatte. Sie war vergewaltigt und jeglichen Selbstwertgefühls beraubt.

So wurde sie auch nach der Flucht, die sie nach Berlin führte, weiterhin als Vertriebene, die keiner haben wollte, ohne Bleiberecht, von Familien ausgenutzt und gedemütigt, für die sie geputzt und den Haushalt geführt hat.

1955 heiratete sie meinen Vater – sie war schwanger! Eigentlich wollte sie Lehrerin werden.

Meine Schwester wurde 1956 geboren und ich kam 15 Monate später hinterher. In der Familie meines Vaters war sie ein Eindringling. „Mein Sohn hätte was Besseres verdient als ein Flüchtlingsmädchen“, sagte ihre Schwiegermutter in ihrem Beisein zu anderen Leuten.

Mein Erleben als Tochter

Ich fühlte mich nie sicher und beschützt.

Viele Jahre später erlebte ich bei der „Heilung des inneren Kindes“ im Rahmen meiner Ausbildung zur Tanz- und Ausdruckstherapeutin dieses verzweifelte Alleinsein als Baby, diese Unsicherheit, diese Schutzlosigkeit. Im Zusammensein mit meiner Mutter konnte das Gefühl des Geborgenseins nur selten in mir entstehen. Hat sie doch selber diese Schutzlosigkeit so schmerzlich erleben müssen.

Über ihr Leben und ihre Kindheit und Jugend durfte in der Familie nicht gesprochen werden. Nicht mal der Name ihres Dorfes konnte erwähnt werden, ohne dass sie weinend den Raum verlassen hätte. Als meine Schwester und ich in die Pubertät kamen und in dem Alter waren, in dem sie so traumatisiert wurde, da lag sie oft mit dämpfenden Antidepressiva gedopt auf dem Sofa. Unser bloßes Heranwachsen zu jungen Frauen muss sie retraumatisiert haben. Ich fühlte mich schuldig und beschmutzt, weil ich einen Freund hatte. Gesprochen wurde kein Wort, es gab nur dieses vorwurfsvolle Gesicht, das ich gehasst habe. Genau dies geschieht bei übernommenen Traumata.

Die Besuche bei meinen Eltern als junge Erwachsene waren fast immer schmerzhaft und frustrierend für mich. Meine Sehnsucht nach ehrlicher Begegnung und nährendem Kontakt blieb fast immer unerfüllt und ich wurde häufig krank nach den Besuchen.

Ich habe mir gewünscht, dass meine Mutter bald sterben würden. Ja, das klingt hart, aber sie war so eine Belastung für mich. Jahre später habe ich es als Gnade erlebt, dass sie 83 Jahre alt wurde. Ich verstehe bis heute nicht, warum mir erst mit ca. 40 Jahren bewusst wurde, dass ja nur 12 Jahre vergangen waren zwischen ihren traumatischen Erlebnissen und meiner Geburt! Darüber hatte ich zuvor nie nachgedacht.

Therapie und ROMPC bei übernommenen Traumata

Ich glaube es war 2009, als ich eine ROMPC-Therapiestunde bei Eva Sattler hatte.

Ich kam mit dem Thema Scham und Schande. Ich wusste von meiner Patentante, einer engen Freundin meiner Mutter aus ihrem Dorf, dass meine Großmutter die Vergewaltigung ihrer Tochter als Schande bezeichnet hatte. Wie muss sich dieses junge Mädchen gefühlt haben, so gedemütigt und vergewaltigt nach Hause zu kommen, ohne Trost und Beistand? Es war meiner Großmutter sicher nicht möglich ihre Tochter zu trösten. Ich will sie dafür nicht verurteilen, aber es ist einfach so traurig.

In der Behandlung mit der Methode ROMPC wurde das Thema Scham und Schande bearbeitet, mit dem ich natürlich auch belastet war in meinem Sexualleben. Ich erinnere mich noch an das so hilfreiche Verzeihungsritual in der damaligen Therapiesitzung.

Wir alle wissen, dass unsere innere Arbeit nicht nur uns selbst hilft, sondern im ganzen Umfeld wirksam werden kann. So geschah es dann auch in unserer Familie: Nur kurze Zeit später schrieb meine Mutter ihre Geschichte für meine Schwester und mich auf. Nach 63 Jahren des Schweigens! Auch gegenüber ihrem Ehemann.

„Liebe Kinder!
ich will versuchen, euch einen Eindruck von meiner Kindheit und Jugend zu vermitteln.
Gott sei Dank habe ich Vieles verdrängt und vergessen.“

Es war so eine Erlösung!

Obwohl es klar war, dass nicht darüber gesprochen werden sollte – das haben wir deutlich gespürt -, gab es von da an eine andere Nähe zu meiner Mutter. Dafür bin ich sehr dankbar. Das Unaussprechliche, Unerhörte war nun ein aus der Verdrängung gehobener Teil eines Lebensgewebes, das auch das Leben der nachfolgenden Generation, also mich und meine Schwester so sehr geprägt hat.

Trotz aller Unsicherheit und Probleme in meiner Kindheit und Jugend, wurde mir eine Gabe in die Wiege gelegt: Ich konnte immer wieder dafür sorgen, dass ich bekam, was ich brauchte. Ich erinnere mich, dass ich mich immer wieder an meine Mutter gekuschelt habe, obwohl sie das von sich aus nicht eingeladen hat. Ich habe mir die körperliche Nähe geholt und sie ließ es zu. Ich habe in meiner oben erwähnten Patentante eine Verbündete gefunden, die mir so oft – auch gegen ihren Willen – meine vielen Fragen beantwortet hat.

Als ich 28 Jahre alt war und schwer belastet, habe ich sie aus lauter Verzweiflung geschüttelt. Sie weinte und sagte immer wieder:

Ich habe geschworen nichts zu sagen.“

Das hat mich so wütend gemacht, dass ich beinahe ausgeholt hätte zu einer Ohrfeige. Schließlich erzählte sie mir die Geschichte von ihrem gemeinsamen Leidensweg und den Vergewaltigungen. Es war, als würde ein Buch, das zuvor lauter unbeschriebene Seiten hatte, plötzlich beschrieben war. Oft bekam sie danach Migräne und ich bin ihr so dankbar, dass sie das trotzdem für mich getan hat. Aber vielleicht hat es ihr ja auch gut getan.

Wenn das Schweigen gebrochen werden darf

Nachdem sie mir das alles erzählt hatte, fielen mir so viele Situationen ein, die sich mir nun irgendwie erklärten. Und ich verstand nun, warum meine Mutter so war, wie sie war. Natürlich durfte meine Mutter nichts von der Aussprache erfahren. Umso schöner war es dann, in dem kleinen Büchlein von meiner Mutter ein Stück von ihr selber zu erfahren, was sie erlebt hatte und wie sie es selber ausdrücken konnte – immerhin schriftlich, auch wenn wir nicht darüber sprechen konnten, auch danach nicht.

Eines Tages habe ich darüber nachgedacht, was wäre, wenn ich selber vergewaltigt werden würde. Obwohl ich Heilpraktikerin für Psychotherapie (HPG) und ROMPC-Therapeutin bin, war mein erster Gedanke – und der hat mich schockiert -, ich würde niemanden davon erzählen! Es fühlte sich so an, als würde jedes darüber gesprochene Wort das schreckliche Erlebnis reaktivieren und alle Möglichkeit nehmen, es zu verdrängen – im Geiste ungeschehen zu machen. Ich habe lange darüber nachgedacht. Ich konnte meine Mutter und ihre Freundin nun erst richtig verstehen.

Doch ein Schwur: Nie darüber reden! Was für eine Bürde! Was für ein emotionaler Kraftakt so ein Erlebnis für sich zu behalten. Was für eine körperliche und seelische Belastung. Meine Mutter war nur 1.45 m groß. Sie ist nach all den Qualen nicht mehr gewachsen. Ich habe ihren Körper immer als hart und versteift wahrgenommen. Sie hat sich wohl zusammengerissen.

Lesen Sie weiter in Teil 2

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