Vergänglichkeit berührt – 3 Perspektiven – Teil 2

Ein persönlicher und psychologisch fundierter Essay über Vergänglichkeit

Dieser Artikel setzt die Gedanken aus Teil 1 fort.

4. Die Lebensillusion: „Ich habe noch Zeit.“

Wir leben in einer stillen Übereinkunft mit uns selbst:

Morgen. Später. Irgendwann.

„Wenn ich erst… weniger Stress habe / die Kinder größer sind / der Job ruhiger wird / das Haus fertig ist / ich wieder Zeit habe… dann lebe ich.“

Doch „später“ ist oft ein Synonym für „nie“.

Psychologisch gibt es dafür einen Namen:
Optimism Bias – der unbewusste Glaube, dass uns noch genug Zeit bleibt.
Wir überschätzen die Zeit, die vor uns liegt, und unterschätzen die Endlichkeit.

Noch ein Mechanismus:
Default Mode Network – ein Netzwerk im Gehirn, das Zukunftsszenarien erzeugt.
Dieses Netzwerk erschafft eine Art „inneren Film“ unserer Zukunft:

  • „Wenn ich alt bin, dann…“
  • „Wenn ich in Rente bin, dann…“

Wir bauen Luftschlösser — und nennen sie „Plan“.

Vergänglichkeit durchtrennt diesen Film. Sie bringt uns ins Jetzt.

In der Forschung nennt sich das Temporal Awareness Shift:

Je stärker Menschen sich der Endlichkeit bewusst sind, desto mehr handeln sie im Jetzt.

Viele berichten dann:

  • „Ich spreche aus, was ich fühle.“
  • „Ich verschwende keine Zeit mehr mit dem Falschen.“
  • „Ich nehme Menschen bewusster wahr.“

Vergänglichkeit ist kein Verlust an Zeit.
Vergänglichkeit ist ein Gewinn an Intensität.

5. Übung 1 – „Wenn ich nur noch eine Stunde hätte…“

Stell dir vor: Du hättest noch genau eine Stunde zu leben.

Schließe die Augen oder schau auf einen Punkt im Raum.
Atme einmal bewusst ein und aus.

Dann beantworte schriftlich:

  1. Wem würdest du erzählen, dass du ihn liebst?
  2. Welche drei Dinge würdest du nicht mehr aufschieben?
  3. Was würdest du loslassen?

Setze einen Timer auf 5 Minuten und schreibe ohne nachzudenken.

Wenn du fertig bist, dann lies deine Antworten durch — und stelle dir eine Frage:

Warum mache ich das nicht schon jetzt?

Diese Übung wirkt, weil sie einen psychologischen Kurzschluss erzeugt:
Der Kopf verliert die Kontrolle, das Herz übernimmt.

6. Übergänge – kleine Vergänglichkeiten, große Wirkung

Vergänglichkeit tritt nicht nur in großen Momenten auf — sie geschieht täglich:

  • ein Kind wird größer
  • eine Freundschaft verändert ihre Gestalt
  • ein Lebensabschnitt endet
  • wir merken, dass wir nicht mehr dieselbe Person sind wie früher

Viele Menschen unterschätzen die emotionale Kraft dieser „kleinen Abschiede“.

In der Psychotherapie sehen wir oft:

Die großen Krisen brechen Menschen nicht — die vielen kleinen, ungelebten Gefühle tun es.

Es ist nicht der große Verlust, der uns überfordert,
sondern die Summe der unausgesprochenen kleinen Enden.

Ich erinnere mich an eine Klientin, die sagte:

„Ich weiß gar nicht, wann ich aufgehört habe zu leben.
Es passierte nicht auf einmal. Es passierte schleichend.“

Jede Veränderung konfrontiert uns mit einer Form von Sterblichkeit.

Übergänge sind Mini-Versionen des Abschieds.

Und gleichzeitig öffnen sie Türen.

7. Forschung: Wie Menschen durch Vergänglichkeit wachsen

Wenn das Leben uns erschüttert — sei es durch Verlust, Krankheit oder ein abruptes Ende einer Beziehung — gibt es zwei mögliche Reaktionen:

  • wir brechen
  • oder wir wachsen

Die Forschung nennt das posttraumatisches Wachstum (Tedeschi & Calhoun, 1996).

Menschen berichten nach tiefen Krisen von folgenden Veränderungen:

  • Beziehungen intensivieren sich,
  • Werte verändern sich,
  • mehr Dankbarkeit entsteht,
  • das Bewusstsein für den Augenblick nimmt zu.

Ein Ergebnis aus dieser Forschung:

Es sind nicht die Ereignisse, die uns wachsen lassen.
Es ist das Bewusstwerden der Vergänglichkeit.

Wenn wir die eigene Endlichkeit spüren, verändert sich Priorität:

  • weniger Perfektionismus,
  • weniger „man müsste noch…“,
  • mehr Echtheit,
  • mehr Mut.

Psychologisch passiert Folgendes:

  1. Das Selbstbild zerbricht.
  2. Die alte Identität ist nicht mehr tragfähig.
  3. Die neue Identität entsteht aus Tiefe — nicht aus Anpassung.

Vergänglichkeit wirkt wie ein Filter:

Das Wesentliche bleibt. Alles andere fällt ab.

Welche Erfahrungen haben Sie mit diesen Übungen gemacht?
Wir freuen uns auf ein Feedback!

Lesen Sie gerne weiter – Teil 3 folgt demnächst.

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