Ein persönlicher und psychologisch fundierter Essay über Vergänglichkeit
Dieser Artikel setzt die Gedanken aus Teil 2 fort.
8. Übung 2 – „Der Brief an mein zukünftiges Ich“
Diese Übung wirkt besonders tief.
Schreibe einen Brief an dein zukünftiges Ich.
Nicht lang. Nicht perfekt. Nur wahr.
Impulse:
- Was soll dein zukünftiges Ich niemals vergessen?
- Was ist dir heute wichtiger als Erfolg, Anpassung oder Sicherheit?
- Welche Werte möchtest du leben — nicht irgendwann, sondern jetzt?
Nimm ein Blatt Papier. Oder dein Notizbuch.
Schreibe oben:
„Liebes zukünftiges Ich…“
Erlaube dir Ehrlichkeit.
Dieser Brief ist kein Vorsatz.
Er ist ein Versprechen an dich selbst.
Wenn du fertig bist, falte den Brief.
Versiegle ihn — metaphorisch oder real.
Und dann frage dich: Was würde ich heute anders machen, wenn ich diesen Brief ernst nehme?
9. Spirituelle Tiefe
Vergänglichkeit ist nicht nur ein psychologisches Thema.
Es ist ein spirituelles.
Nicht im Sinne von Religion.
Sondern im Sinne von Verbundenheit.
Manche Dinge verstehen wir nicht mit dem Verstand.
Sondern mit dem Herzen.
Der Psychologe Lawrence LeShan sagte:
Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart.
Der wichtigste Mensch ist immer der, der dir gerade gegenübersteht.
Wenn Vergänglichkeit bewusst wird, entsteht stille Klarheit:
- Was zählt, ist Begegnung.
- Was heilt, ist Präsenz.
- Was bleibt, ist Verbundenheit.
In der Tiefe weiß jeder Mensch das bereits. Wir haben es nur vergessen.
10. Übung 3 – „Was bleibt? – Meine Kernbotschaft“
Diese Übung ist einfach.
Und transformierend.
Schreibe auf einen Zettel: Was bleibt von mir?
Nicht im materiellen Sinne.
Sondern:
- Welche Werte?
- Welche Begegnungen?
- Welche Spur?
Viele Menschen schreiben hier: „Liebe.“
Und dann passiert etwas:
Wenn „Liebe“ das ist, was bleiben soll,
dann wird plötzlich klar, wie wir leben wollen.
11. Schluss: Vergänglichkeit als Einladung an das Leben
In meinem Seminar saßen Menschen im Kreis.
Die Kerzen brannten.
Die Musik war leise.
Und alles war echt.
Sie kamen nicht, um über den Tod zu sprechen.
Sondern um das Leben zu fühlen.
Vergänglichkeit ist keine Drohung.
Sie ist eine Einladung.
Eine Einladung, nichts aufzuschieben.
Eine Einladung, das Wesentliche zu leben.
Eine Einladung, sich berühren zu lassen.
Nicht irgendwann.
Heute.
Denn wer die Endlichkeit akzeptiert,
hört auf zu warten —
und beginnt zu leben.
Dichter können die oben dargestellten Inhalte in kürzerer Form auf den Punkt bringen. Hier ein unveröffentlichtes Gedicht von Eva Sattler (weitere Gedichte dieser Art finden Sie im Lyrik- und Kunstband „Blütenknall„):
Das Wort
Neulich schlug ich mein Lebensbuch auf,
und ein Wort sprang mir entgegen.Es tanzte und lachte,
es flüsterte sachte,
es brüllt und wütete,
beschützte und hütete
meiner Seele Verletzlichkeit
mit aller Kraft, die es hatte.Es streichelte weise mein Herz,
lachte leise oder mit lautstarkem Beben.Explodierte, spie Feuer,
schrie ungeheuer gewaltig und zart wie das Leben.Es hüllte mich ein in sanfte Träume,
begann mich zärtlich zu wiegen,
es trug mich in unbekannte Räume,
ließ mich in seinen Armen liegen.Ich ahnte von seiner Wahrheit die Essenz,
die für mich bliebe –
und erkannte in meinem Herzen
das Wort meines Lebens:DIE LIEBE




