Familienbilder: Was trennt uns – was eint uns?


Dieser Artikel ist ein veröffentlichter Gastbeitrag von Christa Miller.

Christa Miller arbeitet seit vielen Jahren in einer Erziehungsberatungsstelle und hat sich verstärkt mit den Auswirkungen von Geburtserfahrungen auf die psychische Entwicklung von Kindern und Erwachsenen beschäftigt und damit, wie sich Geburtserfahrungen auf Mütter und Väter auswirken. Im folgenden Beitrag gibt es viele interessante Informationen und Zusammenhänge zu entdecken. 

 

Gedanken einer Erziehungsberaterin 

Ist geteiltes Leid halbes Leid und geteilte Freude doppelte Freude? Oder ist es ganz 
anders? Ist geteiltes Leid doppeltes Leid, weil wir das Mitleid der anderen noch 
mittragen müssen und geteilte Freude nur halbe Freude, weil eine Prise Neid die reine 
Freude trübt? 

Ist es nicht besser, alles mit sich alleine auszumachen, anstatt sich auch noch die gut 
gemeinten Ratschläge der anderen anhören zu müssen, die eh‘ alles besser wissen?  

Ist doch so schon schwer genug! 

Sicher beantwortet jeder Leser, jede Leserin die aufgeworfenen Fragen anders. Jede/r 
auf seine eigene Art.  

Wie  kommt  es  zu  dieser  Vielfalt,  Unterschiedlichkeit,  Buntheit  an  Einstellungen, 
Meinungen? Leben wir nicht alle als Menschen in derselben Welt? Scheint uns nicht 
dieselbe  Sonne,  benetzt  uns  nicht  der  gleiche  Regen  und  betrachten  wir  nicht 
denselben Mond am Abend? Sind wir nicht alle aus dem Samen eines Mannes und der
befruchtungsfähigen Eizelle einer Frau nach neun Monaten Entwicklung durch das Tor der Geburt ins Leben getreten? 

Doch, soweit ist alles eins. Und noch mehr ist gleich: Klaus Grawe, ein Schweizer 
Professor für Psychologie, hat in seinen Forschungsarbeiten gefunden, dass es vier Grundbedürfnisse des Menschen gibt, überall auf der Welt. 


           Das Bedürfnis nach Bindung und Zugehörigkeit 

           Das Bedürfnis nach Kontrolle (Selbstbestimmung) 

           Das Bedürfnis nach Selbstwert 

           Das Bedürfnis nach Lust / Unlust 

 

Das bedeutet, wir sind Wesen, die sich danach sehnen zu anderen zu gehören, über 
ihr  Leben  selbst  bestimmen  zu  können  und  mit  vorhersehbaren  Ereignissen konfrontiert zu werden. Weiter, sich selbst als gut und kompetent zu erleben, als 
wertvoll und geliebt. 

 

Wie kommt es zu den Unterschieden?

 

Soweit die Gemeinsamkeiten auf psychisch-sozialer Ebene. Natürlich sind wir durch 
unsere  Gene  mit  der  Herkunftsfamilie  verbunden,  wobei  sich  im  Rahmen  der Forschung zur Epigenetik herauskristallisiert hat, dass nicht die Gene entscheidend sind,  sondern  sog.  Marker  an  den  Genen,  die  durch  äußere  Einflüsse  an-  und ausgeschaltet werden können. Diese Veränderungen werden dann weitervererbt.  

Wie kommt es zu den Unterschieden, wenn doch so viel gleich ist? Müssten wir nicht 
alle eine zumindest ähnliche Vorstellung davon haben, was gut und was schlecht ist? 

Lernen wir nicht alle in vergleichbar zusammengesetzten Familien: Vater, Mutter, 
Kind/er? In jüngerer Zeit kommen noch weitere Familienformen dazu: Adoptiv-, Stief-, Regenbogen- oder Pflegefamilie.  

 

Was bedeutet eigentlich „Famlilie“?

 

Was  macht  Familie  aus?  Laut  Wikipedia  ist  das  Wort  „Familie“  abgeleitet  vom 
lateinischen „familia“, was „die Gesamtheit der Dienerschaft“ bedeutet. Sind wir also Diener unserer Familien oder dienen die Familien vielmehr ihren Mitgliedern? 

Die Familie beruht, anders als bei der Dienerschaft, auf Verwandtschaftsbeziehungen. 
Das ist auf der ganzen Welt so, unabhängig davon, welches Familienmodell in der jeweiligen Kultur traditionell gelebt wird. 

 

Bedingungen der Zeugung

 

Die Ausformung von Unterschieden beginnt nicht erst mit der Entscheidung, ob ein 
Embryo weibliches, männliches oder diverses Geschlecht haben wird. Schon die 
Bedingungen der Zeugung können sehr differieren: wünschen sich die werdenden Eltern ein Kind? Ist es eher „passiert“? Wird über Abtreibung nachgedacht? Ist die elterliche  Beziehung  gefestigt  oder  bewirkt  die  Schwangerschaft,  dass  es  zur 
Trennung kommt? Wie ist die Aufnahmebereitschaft der mütterlichen Gebärmutter?

 

Hat es der „Zellhaufen“ leicht sich einzunisten oder braucht es mehrere Versuche (wird bis zu sieben Mal probiert bevor die befruchtete und zur Beere geteilte Eizelle wieder 
abgeht)? Ist die Einnistung geglückt, stellt sich die Frage der Versorgung. Funktioniert die Plazenta gut, dann wird der Embryo (später Fötus) über die Nabelschnur gut 
versorgt und dem heranwachsenden Kind steht eine relativ unbeschwerte Zeit bis zur Geburt bevor. 

 

Da wartet die nächste Herausforderung auf das werdende Leben. Darf das Baby 
heranreifen, bis es selbst das Signal zur Geburt gibt oder wird es zu einem bestimmten Termin gezielt ans Licht der Welt geholt? Hatte es die Nabelschnur um den Hals und 
es  bestand  die  Gefahr,  dass  es  die  Geburt  nicht  überlebt  oder  gab  es  andere gravierende Probleme, die den archaischen Prozess des Gebärens von Mutter und Kind gestört haben?

Musste das Baby intensiv betreut werden auf der neonatalogischen Station, vielleicht im Brutkasten noch weiterreifen, ist die Beziehungsbildung zur Mutter gestört und es kommt häufig zu Bindungsproblemen. Eine Reise auf Leben und Tod, die jeder von uns durchgemacht hat. 

 

Lebenslange Prägungen

 

Im Alltag wird darüber häufig geschwiegen „Mutter und Kind haben ja überlebt“. Doch in dieser Phase des Lebens entstehen bereits Erwartungen ans Leben, die lebenslang prägen. Das Gefühl willkommen zu sein oder abgelehnt zu werden entsteht bereits in dieser Zeit.  

Gelingt es den Eltern sich auf das neue Lebewesen einzustellen, seine Bedürfnisse zu 
erfüllen, kann sich das Gefühl von Sicherheit entwickeln, von Geborgenheit und geliebt werden. Kinder, die in ihrer Herkunftsfamilie, bei ihren Eltern einen sicheren Hafen haben, den sie anlaufen können, um aufzutanken und den sie verlassen können, um altersgemäße Herausforderungen zu meistern, bilden tiefe Wurzeln im „Mutterboden“ aus. So verankerte Erwachsene kann kaum etwas so erschüttern, dass sie nicht 
wieder in ihre Mitte zurückkehren können.

Passt das Temperament aber nicht zu dem der  Eltern,  entstehen  Missverständnisse  und  Frustration  auf  beiden  Seiten.  Das notwendige Vertrauen in das Leben kann sich nicht einstellen.  

 

Äußere Umstände wirken stark mit ein 

 

Eine weiter wichtige Frage ist die der Armut. Haben die Eltern genügend finanzielle 
Mittel, um ihren Kindern mit ausreichend Zeit und Geduld zur Seite stehen zu können? 
Oder muss die gesamte Energie auf die existentielle Sicherung der Familie verwendet werden? Wenn sich die Sorgenvögel in das Nest der Eltern eingenistet haben, bleibt meist nicht genug Energie für die Bedürfnisse der Kinder oder es ist nicht genug Geld zur Verfügung, um grundlegende Bedürfnisse zu erfüllen.

Bei den Eltern entstehen Schuld- und Schamgefühle, denn natürlich hätten sie sich gewünscht, dass ihre Kinder gut versorgt sind. Bindungen und Beziehungen werden vernachlässigt, es soll ja niemand  merken,  wie  es  um  die  Familie  steht,  oder  es  werden  Beziehungen eingegangen, innerhalb derer so richtig auf „Gott und die Welt“ geschimpft werden kann.  Ein häufig angewendetes ungeeignetes Lösungsmittel ist dann der Alkohol bei den Männern und Tabletten bei den Frauen.

 

Häufig übernehmen in dieser Situation die Kinder die Steuerung in der Familie. Letztendlich macht es die Kinder stark, sie sind selbstwirksam, können die Dinge kontrollieren und sie vermeiden Unvorhersehbarkeit.

Das wird zum Lebensmotto „nie mehr arm, nie mehr sich auf 
andere verlassen, von anderen abhängig sein“. Diese „Notreifung“ führt allerdings nicht unbedingt zu einem erfüllten Erwachsenenleben.

Wesentliche Kompetenzen wurden unter diesen Bedingungen nicht gelernt. Wie soll ich als Erwachsener in der 
Lage sein meine eigenen Bedürfnisse zu erfüllen, wenn ich nicht gelernt habe sie zu erkennen. Wie kann ich mich wertvoll fühlen, wenn ich das als Kind nicht erfahren habe? Wie soll ich meine Grenzen respektvoll und wirksam setzen, wenn sie nie anerkannt wurden?  

 

Archaische Lebensprogramme

 

Im  Bemühen  um  Liebe  und  Zuwendung  entwickeln  Kinder  häufig  originelle 
Verhaltensweisen, die ihnen die Aufmerksamkeit der Eltern sichern. Sie nutzen dabei intuitiv ein archaisches Überlebensprogramm, das tief in uns verankert ist. Solange alles ruhig und unauffällig ist, geht jeder seinen Aufgaben nach, für das Kind bedeutet das, die Eltern arbeiten. Passiert etwas Unerwartetes, wenden sich die Eltern dem Kind zu, sei es auch, um zu schimpfen. Das Verhalten des Kindes war somit erfolgreich 
und bestätigt sein Vorgehen.

So entwickelt sich eine Beziehungsdynamik zwischen Eltern und Kind, in der es kaum noch zu positiven Begegnungen kommt. Eine Spirale 
der Eskalation wird in Gang gesetzt, die nur schwer wieder zu beruhigen ist, weil viele 
Reaktionen automatisiert erfolgen. 

 

Die Aufgabe der Erziehungsberatung

 

Die  Aufgabe  der  Erziehungsberatung  ist  es,  herauszufinden,  was  verbindet  die 
Familienmitglieder und was trennt sie. Wo ist die Beziehung zu eng und wo zu lose? 

Wo befinden sich Fallstricke über die immer wieder gestolpert wird, so dass es 
wiederholt zu Eskalationen kommt? Gelingt es die verschiedenen Bedürfnisse und 
Perspektiven aufzuzeigen, zu ordnen und verstehbar zu machen, die guten, sinnhaften Absichten zu verdeutlichen, entsteht eine neue Verbundenheit bei aller Verschiedenheit. 

                                               

Wünschen wir uns nicht alle das Gleiche? In Frieden in einem guten Umfeld leben, in 
dem wir uns wertgeschätzt fühlen und geliebt, das überschaubar ist und handhabbare Herausforderungen bietet. So wie alle Menschen. 

 

Christa Miller
Augsburg, 14.07.2021 

                                                                                                

               

 

 

 

 

 

 

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