Konflikte Teil 2 – Die Eskalation


Neben der Konflikt-Vermeidung gibt es auch ein ganz schnelles Anspringen auf Konflikte, als würden die Betreffenden nach Anlässen suchen, um sich konflikthaft abreagieren zu können. Gerne geschieht dies auch vermeintlich oder tatsächlich Schwächeren gegenüber – und das sind häufig Kinder, an denen Erwachsene sich abreagieren. In diese Kategorie gehört auch die Konflikt-Verschärfung, wie wir sie z.B. im russischen Angriffskrieg auf die Ukraine sehen oder im von den USA angezettelten Irak-Krieg. Diesen Kriegen gingen immer Verschärfungen voraus: Es wurde nach Anlässen gesucht, um die jeweiligen Länder zu überfallen, auch wenn die vermeintlichen Fakten, die dazu herangezogen wurden, sich als „Fake-News“ herausstellten.

Natürlich ist es ein großer Unterschied, ob ich einen Krieg anzettele oder „nur“ meinen Frust an Kindern auslasse, die psychologischen Mechanismen sind ähnlich: Ein Anlass für den Konflikt wird gesucht oder künstlich herbeigeführt.

Aus der „Mücke einen Elefanten“ machen

Wer kennt es nicht? Da wird ein minimaler Anlass zu einem hoch eskalierenden Konflikt. Geschichte geschrieben hat die nicht verschlossene Zahnpastatube, sie findet immer wieder Erwähnung in Konflikten in Wohngemeinschaften, in Familien, in Beziehungen. Die Person, die den fehlenden Deckel moniert, fühlt sich im Recht, denn die Zahnpasta trocknet aus oder läuft aus, wenn der Deckel fehlt. Dann kann man sich richtig schön erregen, wie dumm doch die andere Person ist und wie unzuverlässig. Bei nächster Gelegenheit wird die Zahnpastatube benutzt, um zum Ausdruck zu bringen, wie unmöglich die andere Person ist. D.h. hier werden Spannungen aufgebaut über eine ganze Weile und in einer plötzlichen Eskalation benutzt, so dass die Fetzen fliegen.

Vielleicht ist die Spülmaschine nicht ausgeräumt: „Du hast schon wieder die Spülmaschine nicht ausgeräumt! Und außerdem lässt du immer die Zahnpastatube offen. Ist dir nicht klar, dass die austrocknet?“ „Was regst du dich so auf? Das sind doch nur Lappalien. Aber du mit deiner kleinkrämerischen Seele kannst wahrscheinlich nicht anders.“

Wir können uns lebhaft vorstellen, wie es von da aus weiter in die Eskalation geht. 

Wir bewerten– und ziehen daraus Schlussfolgerungen

Einer der wesentlichen Bausteine der Vorbereitung auf die Eskalation ist das Moment der Bewertung. Diesen Vorgang hat schon Watzlawick[i] in seiner „Geschichte mit dem Hammer“ beschrieben. Ich gebe diese Geschichte hier nicht wieder, weil so viele Menschen sie schon kennen. Die Wendung in der Geschichte beginnt da, wo der Mann das Verhalten des Nachbarn zu bewerten beginnt, nämlich sein flüchtiges Grüßen. Dieses baut er immer weiter mit Hilfe von Unterstellungen aus, bis er sich sicher ist, dass der Nachbar ihn ablehnt. Auch oben in der Geschichte wird das Nichtverschließen der Zahnpastatube negativ bewertet. Diese negativen Bewertungen führen dazu, dass entweder ich den anderen ablehne oder mich von ihm abgelehnt fühle. D.h. hier wurde schon mal eine Gegnerschaft aufgebaut.

„Ich habe recht“ – oft der Ausgangspunkt vom Konflikt

Eigentlich möchte ich den anderen dazu bringen, dass er das tut, was ich für richtig halte oder das lässt, was ich für falsch halte. Ich könnte die Zahnpastatube ja auch selber schließen, wenn es mich stört, dass sie geöffnet da liegt. Denn die Störung ist ja bei mir, nicht bei der anderen Person. Da ich aber im Recht bin, muss die andere Person einsehen, dass sie falsch gehandelt hat und ihr Verhalten umgehend korrigieren.

Ich begebe mich also in eine verfolgerische Haltung, während ich mich absolut im Recht fühle. Mein Gegenüber möchte sich aber nicht erziehen lassen, mein Gegenüber möchte die Freiheit behalten, die Tube geöffnet zu lassen, ohne dass daraus ein großer Konflikt entsteht. Mein Gegenüber sieht meinen Erziehungsversuch als Einschränkung der eigenen Freiheit an. D.h. wir sind hier schon lange nicht mehr auf der Ebene der geöffneten oder verschlossenen Zahnpastatube, sondern bei Wertkonflikten, die sich an banalen Gegenständen und deren Zustand abspielen. Wir könnten also mit Fug und Recht sagen, neben dem Wertekonflikt, der sich da gerade ereignet, haben wir es mit einem Beziehungskonflikt zu tun, der sich auf der Ebene der konkreten Gegenstände nicht lösen lässt.

Wir haben es auch mit einem Machtkonflikt zu tun: „Da ich weiß, wie es richtig ist, musst du dich unterordnen!“ Dieser unausgesprochene Satz führt dazu, dass ich, der ich weiß, was richtig ist, die Macht habe. Nur mit welchen Mitteln will ich sie durchsetzen? Ich kann mir Sanktionen ausdenken: So lange wie du meinem Wissen nicht folgst, rede ich nicht mehr mit dir, ich schau dich nicht einmal an oder wie der Bayer sagt: „di ignorier i net amol!“ Hier hätten wir also die nächste Sprosse auf der Eskalationsleiter erklommen. Wir sind also schon in der Phase von Drohstrategien angekommen.

Stufen der Eskalation von Konflikten

Im Ablauf dieser Konfliktverläufe zeigen sich Regelmäßigkeiten, wie es Friedrich Glasl in den 9 Stufen der Konflikteskalation beschreibt. Während sich zu Beginn noch beide Konfliktpartner als „Gewinner“ fühlen, verlieren am Ende beide, wenn der Konflikt nicht irgendwo unterbrochen wird.[ii]

9 Stufen und 3 Ebenen der Konflikteskalation – eigene Darstellung nach Friedrich Glasl

Paarkonflikte und die „Abmachungen“

Vielleicht wäre es ja doch noch möglich, eine Einigung über das konkrete Handeln zu erzielen, wenn aber die jeweiligen Beziehungs-, Werte- und Machtthemen nicht irgendwie synchronisiert sind, wird es zu keiner nachhaltigen Lösung kommen. Genau das erleben wir bei vielen Paarkonflikten. Das Paar hat sich auf ein Vorgehen geeinigt für kritische Situationen und mindestens eine Person hält sich nicht daran. Hier spielt es auch keine Rolle, ob das Einhalten der Vereinbarung bewusst oder unbewusst sabotiert wird. Von der Wirkung her ist das im Konfliktfall gleichgültig: Dem anderen wird sowieso eine bewusste Absicht unterstellt.

„Immer muss ich dir die Sachen hinterherräumen. Du lässt einfach deine Socken und Schuhe da liegen, wo du sie ausgezogen hast. Wir haben schon so oft darüber gesprochen, aber es passiert immer wieder. Wieso hältst du dich nicht an unsere Absprachen?“ – „Ich war in Eile. Das kann doch mal passieren.“ – „Das passiert dir dauernd und ich muss mich dann darum kümmern. Da werde ich sauer. Und wahrscheinlich ist dir unsere Absprache egal.“

Die systemische Sichtweise: Wer führt im Konflikt?

Wenn es im nächsten Schritt dann dazu kommt, dass derjenige, dem eine Absicht unterstellt wurde bei der Nichteinhaltung der Absprache, ganz bewusst Dinge liegen lässt oder mitten im Raum platziert, um zu zeigen, wie es aussieht, wenn er das bewusst macht, sind wir bereits im Bereich begrenzter Schläge und der Krieg ist nicht mehr weit. Systemisch ist es klar, dass die Person die Führung hat, die etwas nicht tut. Die, die etwas fordert, glaubt aber, in der Führung zu sein, weil sie ja im Recht ist. Deshalb können die beiden auch keine Lösung finden.

Konflikte – unlösbar oder als Chance für Wachstum?

Ich bin manchmal erstaunt, wie schnell es geht, dass ein Konflikt nicht mehr lösbar erscheint und die Beteiligten nie wieder etwas miteinander zu tun haben wollen. Da ist für eine Partei die Grenze des Besprechbaren erreicht bzw. so sehr verletzt, dass nur noch Krieg oder Aus-dem-Weg-gehen möglich ist. Wenn man den Weg dahin nachvollzieht, finden am Anfang kleine Kränkungen und Unterstellungen statt, die aus den Bereichen Beziehung, Werte oder Macht entstehen, dann kann bereits im nächsten Schritt in der Eskalationsdynamik ein „point of no return“ erreicht sein. Das geht dann mit Formulierungen einher wie: „Das lass ich mir doch nicht sagen!“ oder „Das habe ich nicht nötig!“ Von der Sache haben sich die Kontrahenten dann schon weit entfernt. Dann ist es schwierig, den Anlass des Konflikts überhaupt noch in den Blick zu nehmen.

Wie wir die durch Konflikte grundsätzlich ermöglichten Wachstumsprozesse verhindern können, betrachten wir im nächsten Artikel.


[i] Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein,

[ii] Friedrich Glasl: Konfliktmanagement. Diagnose und Behandlung von Konflikten in Organisationen. Haupt, Bern/Stuttgart 1980


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