Wir schaffen das!


von Heinz-Günter Andersch-Sattler

Wir schaffen das!

Wer kann sich nicht an diesen zum Slogan gewordenen Ausruf von Angela Merkel zu Beginn der Flüchtlingskrise erinnern? Den gab es zur Flüchtlingskrise. In dieser Pandemie warten wir vergeblich auf Sätze wie diese. Wir hören immer nur Verschlimmerungs-Nachrichten und dass es nicht reichte, was wir bisher getan, worauf wir verzichtet haben. Obwohl die Belastungsgrenze der Menschen erreicht ist, hören wir nicht, dass wir es bisher geschafft haben, die Infektionszahlen kleiner werden zu lassen. Wenn ich mir die Karte mit den Städten und Landkreisen anschaue, ist es gerade im Süden viel weniger geworden.

Vermehrte Belastungen

Wir brauchen Ermutigung in diesen schweren Zeiten. Was es die Einzelnen kostet, können wir in erster Linie von der psychischen Seite her betrachten, denn zu uns kommen die Menschen mit ihren Sorgen und Nöten. Für viele ist die Belastungsgrenze erreicht. Noch ein weiterer Monat mit Home-schooling, den ganzen Tag mit den Kindern ununterbrochen beisammen und gefordert zu sein, die schulischen Aufgaben zu bewältigen zeitgleich mit den beruflichen Anforderungen im Home-offfice. Keine Pause, keine Ruhe für sich. Menschen, die ohnehin labil sind, leiden verstärkt unter diesen Belastungen bzw. mangelnden Entlastungen.

Da sind andere, die in Panik geraten, wenn sie die FFP2-Maske tragen sollen. Und wieder andere, deren Ängste sich vergrößern: Krankheitsängste, Todesängste, Ängste vor Verlust der Selbstbestimmung, Ängste, etwas falsch zu machen und bestraft zu werden, Existenzängste wegen finanzieller Einbußen, Ängste aufgrund der permanenten Unsicherheit und vieles mehr.

Unsere Beziehungsbedürfnisse kommen zu kurz

Wir vertreten unter anderem das Konzept der Beziehungsbedürfnisse, d.h. der Bedürfnisse, die wir uns nicht selber erfüllen können, für die wir andere brauchen. Diese Beziehungsbedürfnisse kommen in dieser Krise definitiv zu kurz. Dazu gehören neben dem Bedürfnis nach Sicherheit auch das Bedürfnis nach Bestätigung der eigenen Erfahrung, das Bedürfnis nach Besonderheit, das Bedürfnis nach Initiierung durch eine andere Person, das Bedürfnis nach Einfluss. Demgegenüber wird das Bedürfnis nach Grenzen überversorgt.

  • Wir brauchen es, bestätigt zu bekommen, dass wir die Erfahrung machen, die wir machen und dass die ernst genommen wird.
  • Wir brauchen es, als besonders anerkannt zu werden –auch in unseren spezifischen Einschränkungen und Besonderheiten.
  • Wir brauchen, dass jemand den ersten Schritt auf uns zu macht und uns sagt, was wir schon alles geschafft und geleistet haben, auch wenn wir uns noch nicht zurücklehnen können.
  • Wir brauchen es, irgendwo unseren Einfluss geltend zu machen, gestalten zu können, auch wenn die Spielräume gerade klein sind.

Wir brauchen offfene Diskussionen

Daraus folgt, dass wir z.B. eine offene Diskussion brauchen über das Für und Wider des Impfens und der praktizierten Strategie, die abwägt und niemanden mundtot macht. Daraus folgt auch, dass wir gesehen werden sollten in unseren ganz spezifischen Verarbeitungs-und Reaktionsweisen auf diese außerordentlichen Belastungen, denn was dem einen leicht fällt, fällt dem anderen schwer und umgekehrt.

All diese Beziehungsbedürfnisse adäquat zu beantworten mag in der aktuellen Situation schwierig sein. Dennoch halten wir es für bedenklich und gefährlich, sie zu übergehen. Diese Herausforderungen sind groß und doch sollten wir uns ihnen stellen.

Wir haben in der Tat viel geschafft. Hier in Augsburg hatten wir Anfang November einen Inzidenzwert von ca. 400 und sind jetzt bei ca. 150. Das herauszustellen kann doch auch anderen Mut machen. Die Mühe kann sich also wirklich lohnen. Wir schaffen das!

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