Miteinander durch die Krise


„Wir haben in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ein wertvolles Geschenk erhalten: eine Gesellschaft, in der wir angstfrei miteinander leben und reden können. Lasst uns die Gesundheit dieser Gesellschaft schützen, indem wir den AHA-Bestimmungen drei SOS-Regeln zur Seite stellen: Sensibilität im Umgang mit fremden Ängsten, Offenheit für abweichende Positionen, Sorgfalt beim Formulieren der eigenen Ansichten. Unsere Chancen, gut durch die Krise zu kommen, werden rapide steigen.“ (Juli Zeh in „Die Zeit“ No. 46/2020, S. 13)

Diese Worte von Juli Zeh bringen etwas auf den Punkt, was in der Welt der Infektionszahlen und Infektionsängste schnell vergessen wird: miteinander im Gespräch zu bleiben und sich nicht hinter die eigenen Mauern zurückzuziehen , wo wir unberührt bleiben können von anderen Menschen, anderen Ansichten, anderen Ausrichtungen.

Der Vorteil des Berufs eines Psychotherapeuten ist es, dass er diese SOS-Regeln schon immer zu beachten gelernt hat. Wir versuchen, den anderen zu verstehen, auch wenn seine Positionen ganz andere sind als die eigenen. Wir versuchen, mit den Ängsten unseres Gegenübers sensibel umzugehen, damit diese Menschen auch noch anderes von sich wahrnehmen können als die Angst. Und wir sind gehalten, unsere eigene Ansicht so zu formulieren, dass der andere/die andere sie anhören, bedenken und durchfühlen kann.

In einem Buch von Paul Parin habe ich vor vielen Jahren gelesen, dass sein Lehranalytiker während der bereits fortgeschrittenen Analyse auf einmal Karl Marx zitierte. Das habe ihn, Parin, überwältigt und ihm keine Ruhe gelassen, so dass er ihn in der nächsten Analysestunde darauf ansprach und fragte, wie es komme, dass er sich bei Marx auskenne, wo ihm der Analytiker doch sonst als politisch eher konservativ bekannt sei. Der Analytiker habe geantwortet: Wenn mein Analysand sich so stark mit einer Weltanschauung identifiziere, müsse er die kennenlernen, um seinen Analysanden zu verstehen. Parin war Kommunist und bei den Partisanen aktiv gewesen. Dieser Grundhaltung habe ich versucht zu folgen, auch wenn das nicht immer einfach ist – besonders in diesen Zeiten.

Gerade nehmen die Ängste wieder zu, die Angst, die Arbeit zu verlieren, die Angst, mit weniger Geld auskommen zu müssen, die Angst, die Gesundheit und das Leben zu verlieren, die Angst, die sozialen Kontakte zu verlieren, die Angst zu vereinsamen, die Angst vor der Angst. Es ist gut, wenn die Menschen, die zu uns kommen, darüber sprechen, wo sie sonst oft glauben, darüber hinweggehen zu müssen oder zu sollen. Und es ist gut, wenn die Menschen am Ende der Sitzung mit etwas weniger Angst nach Hause gehen. Denn die Angst ist zwar wichtig, um uns im Leben auf Gefahren aufmerksam zu machen. Wenn die Angst aber zu lange unser Leben begleitet und nicht mehr zur Ruhe kommt, sind wir massiv eingeschränkt in unserer Kreativität und Zuversicht – und wir schädigen unser Immunsystem, erkranken schneller und am Ende tritt das, was wir befürchten, sogar schneller ein, als wir zuvor befürchtet haben. Dabei helfen uns ganz praktisch die beziehungsorientierte Grundhaltung sowie die Entkoppelungstechniken von ROMPC.

Mehr dazu gibt es auf dem ROMPC-online-Kongress am 21.11.2020

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