Verwundete Seelen – übernommenes Leid



Diese Geschichte ist aus mehreren Einzelschicksalen zusammengesetzt. Jedes Element ist in den letzten Wochen in der Therapie aufgetaucht, aber nicht in genau der oben geschilderten Form. Dies dient auch der Anonymisierung des Materials.


Verbindungen von Kriegsgeschädigten

Ein Mann kommt völlig demoralisiert und erschöpft aus dem Krieg zurück. Er hat den Glanz früherer Jahre in den Augen verloren. Sein Blick wirkt nach innen gerichtet, als könnte er keine Informationen mehr aufnehmen und wollte das auch nicht mehr, weil alles zu viel war, das Leid: Leiber von Menschen blutüberströmt, er selber nass vom Blut der Kameraden, die ihm unterstellt waren und von denen die meisten umgekommen sind. Er war mit seiner Einheit in einen Hinterhalt geraten und so waren von 30 jungen Männern nur noch 5 am Leben. Die Schreie der Toten und der Verletzten, die kurz später starben, hallen in seinen Ohren. Immer noch. Er ist demoralisiert. Seine Bewegungen wirken eher träge und verhalten, als wolle er nicht mehr am Leben teilnehmen.

Zum Glück hat er einige Zeit nach seiner Rückkehr eine Frau getroffen, mit der er sich zusammengetan hat. Sie hatte ihre ganze Familie verloren – alle umgekommen bei einem Bombenangriff. Sie selbst hat nur überlebt, weil sie zum Zeitpunkt des Angriffs nicht im Haus war, sondern unterwegs war für Besorgungen, um Essen für ihre Liebsten zu beschaffen. Auch sie stark gezeichnet vom Verlust, der Trauer und gleichzeitig abgestumpft durch all das Leid, das sie umgibt. Dieser Mann und diese Frau sind eine Art Notgemeinschaft eingegangen, zwei traumatisierte Menschen, die sich wenigstens ein bisschen Zuwendung geben.

Leiden der Nachkommen

Aus dieser Verbindung sind Kinder hervorgegangen, ein Sohn und eine Tochter. Der Sohn saß letzte Woche in meiner Praxis. Er konnte die Nachrichten aus der Ukraine nicht aushalten. Er hat mit Verzweiflung, Zittern, Unruhe darauf reagiert. Der Schlaf war fast nicht möglich, weil er ständig blutüberströmte Leiber vor dem inneren Auge gesehen hat, deren Schreie gehört hat. Er wirkt kraftlos. Er sagt von sich, dass er sein Leben nur schwer auf die Reihe gebracht habe, er habe nie eine stärkere Lebenskraft in sich gespürt. Dafür habe er sich eine Frau gesucht, die ihn aber vor einigen Jahren verlassen habe, weil sie ihre Kraft nicht mehr so stark für ihn verausgaben gewollt habe. Er verstehe das. Er halte es mit sich ja auch kaum aus. Auf die Frage, woher er die oben geschilderten Bilder kenne, sagt er, von seinem Vater.

Identifikation mit der Schwäche des Vaters

In der weiteren Arbeit wird deutlich, dass er sich mit der Schwäche des Vaters identifiziert hat, um auf diese Weise mit ihm in Verbindung sein zu können. Ein wirklicher Kontakt sei mit ihm nicht möglich gewesen. Solche Kontaktmöglichkeiten habe er sowieso erst durch seine Frau kennengelernt. Vorher habe er gar nicht gewusst, dass es das gibt.

Wiederbelebung alter Kriegserlebnisse – Fluch oder Segen?

Es ist klar, dass diese Belastungen durch die Kriegsszenen in den Medien wieder lebendig werden konnten. Die Berichterstattung führt uns teilweise sehr nah an das Kriegsgeschehen heran, näher als viele das verkraften können. Nun hat ja mein Patient das Leid des Krieges nicht am eigenen Leib erfahren, sondern nur sekundär am eigenen Vater miterlebt. Dieser Vater hat wohl auch gar nicht viel über seine Kriegserfahrungen erzählt. Erst nach dessen Tod hat mein Patient Aufzeichnungen des Vaters gefunden, die die inneren Bilder des Patienten im Nachhinein bestätigt haben. Einerseits ist es erschreckend, dass durch das Kriegsleid in der Ukraine diese lange verschütteten Themen meines Patienten wieder an die Oberfläche kamen, andererseits ist es vielleicht ein Segen, weil er so die Chance hat, sich mit dieser übernommenen Belastung zu beschäftigen und sie vielleicht besser verarbeiten zu können. Sie als Zeichen der Liebe oder der Sehnsucht nach Liebe zum Vater einordnen zu können. Vielleicht wird es auch möglich sein, seine eingeschränkten Lebenskräfte mehr an die Oberfläche kommen zu lassen. Ob das gelingen wird, weiß keiner. Aber einen Versuch ist es wert.

Hilfreiche Methode bei Traumatisierungen in der Psychotherapie: ROMPC

Im ROMPC haben wir Methoden und Techniken zur Verfügung, um mit solchen sekundären (fremden übernommenen) Traumatisierungen(siehe Kommentar unten) zu arbeiten, um eine Sortierung vorzunehmen, was meins ist und was nicht. Gleichzeitig werden die übernommenen Traumatisierungen als Versuch der tieferen Verbindung des Kindes zum Vater gewürdigt, was auf der real gelebten Ebene nicht möglich ist. Ich habe schon viele solche Vorgänge begleitet und weiß deshalb um die Möglichkeiten, die darin stecken. Aber es gibt natürlich keine Garantie, dass das auch gelingt. Manche Spuren haben sich zu tief in die Seele gefräst, um sich wieder regenerieren zu können. Darüber hinaus wissen wir, dass so tiefe Verletzungen nie spurlos verschwinden können, sie können weniger werden und ein einigermaßen gutes Leben ermöglichen und diese Belastungen dann vielleicht nicht unbedingt an die nächste oder übernächste Generation weiterreichen.

Alte Wunden – neue Wunden

Das Schlimme ist ja, dass wir in unserem Land noch immer dabei sind, die Wunden des letzten Weltkrieges zu bearbeiten – eine gesellschaftliche Aufarbeitung hat ja im Grunde erst vor ca. 20 Jahren begonnen. Seither ist es in Ansätzen möglich, das Leid an den Menschen in Deutschland anzuschauen. In Westdeutschland hat der Kalte Krieg eine produktive Auseinandersetzung mit dem Krieg und Faschismus verhindert und im Osten Deutschlands hat es offiziell nur Antifaschisten gegeben. Seit den 90er Jahren haben wir mit dem Balkankrieg, dem Afghanistankrieg, dem Irakkrieg, dem Krieg in Syrien, ganz zu schweigen von den Bedrohungen durch kriegsähnliche Handlungen in Afrika immer wieder neue Wellen von Geflüchteten in unser Land gehabt, die mit ähnlichen Wunden wie oben geschildert in unser Land gekommen sind und Hilfe brauchen – nicht zuletzt für ihre seelischen Wunden.

Bewältigung des Leids

Das wird jetzt mit den Menschen aus der Ukraine nicht anders sein. Das Leid scheint nicht aufzuhören, weil es immer wieder zu so leidvollen Erfahrungen aufgrund Machtinteressen, wirtschaftlichen Interessen, Verteilungskämpfen, etc. kommt. Auch wenn auf der Welt ständig neues Leid entsteht, halte ich die Arbeit an der Bewältigung dieses Leids für sinnvoll, auch wenn wir vermutlich damit nie fertig werden. Ich habe dennoch die Hoffnung, dass das verarbeitete Leid etwas dazu beitragen kann, dass es für manche Menschen leichter wird und Hass und Rache eine geringere Rolle spielen bei diesen Menschen. Das gibt mir die Kraft weiterzumachen.


Kommentar: Lesen Sie hierzu meinen Artikel in der Zeitschrift „Psychosozial“ „Eigene und übernommene Traumatisierungen“, Jahrgang 43, Heft III, S. 74 ff., 2020 und Weil/Erfurt-Weil, „Selbstwirksamkeit und Performance“, S. 172 ff., Kassel (Medienedition Weil), 2010

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