Wie mache ich mir das Leben schwer? Teil 2


Unter diesem Titel habe ich bereits an dieser Stelle einen ersten Teil des Artikels veröffentlicht. Hier kommen nun weitere Ausführungen, die sich direkt auf Watzlawick und seine Herangehensweise beziehen:

Watzlawick als Systemiker

Watzlawick ist einer der Systemiker der frühen Stunde. Ich selber habe ihn in den 70er Jahren erstmals gelesen. Er hat grundlegende Mechanismen der Kommunikation untersucht. Von ihm stammt z.B. die Aussage: Wir können nicht nicht kommunizieren. Alles, was wir tun oder nicht tun, ist Teil unserer wechselseitigen Kommunikation. Denn Kommunikation ist immer wechselseitig angelegt. Ob mein Niesen im Rahmen der gerade ablaufenden Kommunikation bedeutsam ist oder nicht, entscheide nicht ich als Niesender. Jedenfalls nicht allein. Ein gutes Beispiel ist die berühmteste Geschichte aus der „Anleitung zum Unglücklichsein“:

„Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er ‚Guten Tag‘ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: ‚Behalten Sie sich Ihren Hammer, Sie Rüpel!‘“ (S. 37 f.)

Hier hat der Mann, der den Hammer braucht, das flüchtige Grüßen als einen bedeutsamen Teil der Kommunikation in der Nachbarschaft gedeutet. Er ist auch der möglichen Deutung, dass der Nachbar in Eile war, nicht weiter gefolgt, sondern hat nur noch den Deutungsstrang mit Ablehnung durch den Nachbarn in seinen Gedanken weiter verfolgt. Viele Nachbarschaftsstreits gehen sicher auf diese Deutungstechnik zurück. Noch viel deutlicher tritt das zutage in der Bewertung des Verhaltens von Ausländern, besonders wenn die fremdländisch wirken und aussehen. Deren harmlosem Verhalten werden heutzutage relativ rasch unlautere Motive unterstellt.

Die Kommunikationstheorie

Die Geschichte enthält zudem viele Elemente der Kommunikationstheorie von Watzlawick. Da ist zunächst der Konstruktivismus: Die Deutung durch unseren Mann, die zum Angriff auf den Nachbarn führt, verselbständigt sich. Sie hat keine Datenbasis außer dem flüchtigen Grüßen. Der Rest hat sich in den Vorstellungen des Mannes aufgebaut. Er hat diese Geschichte im zweiten Teil komplett konstruiert. Wir sind als Menschen nicht nur in der Lage, uns selber Konstrukte herzuleiten und zu entwickeln, sondern wir tun dies auch permanent. Jedes dieser Konstrukte löst spezifische körperliche Veränderungen aus, die sich in Form von Gefühlen in uns manifestieren: veränderter Blutdruck, veränderte Hormonlage, veränderte Atmung, veränderte Willkürmuskulatur, etc. Ein Gedanke, ein Gedankenkonstrukt kann also unser gesamtes körperliches Sein momentan und rasch verändern. Die körperliche Veränderung, die automatisch von unserem Gehirn registriert wird, verstärkt dann noch die vorhandene Tendenz und verfestigt sie, bis unser Mann schreiend vor dem Nachbarn mit dem Hammer steht.

Nachdem unser Mann in der Geschichte die Annahme gebildet hat „Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt und er hat etwas gegen mich“, nimmt das Schicksal seinen Lauf: Die Annahme wird zur unverrückbaren Tatsache, als wäre das beobachtbar gewesen. Wir wissen natürlich, dass das eine Unterstellung ist. Wir wissen aber auch, dass Unterstellungen oft wie Tatsachen behandelt werden. Das macht uns ja gerade heutzutage zu schaffen z.B. in den sozialen Medien, wo Dinge behauptet werden, die sich als unwahr herausstellen, die aber dennoch weiter bestehen bleiben und gehandelt werden, als wären sie wahr.

Axiome in der Kommunikation?

Diese Annahmen haben quasi den Charakter eines Axioms. Wikipedia sagt dazu: „als absolut richtig erkannter Grundsatz; gültige Wahrheit, die keines Beweises bedarf.“ Ein Axiom in der Arithmetik wäre z.B.: auf jede natürliche Zahl n folgt eine weitere Zahl, nämlich n+1. Dies ist eine in der Arithmetik grundlegende Festlegung, die nicht bewiesen werden muss. Es ließe sich theoretisch vorstellen, dass wir eine Festlegung treffen, dass im Zahlenraum ab Tausend z.B. auf n n+2 folgt. Das würde zwar Schwierigkeiten im formalen System der Arithmetik erzeugen, wäre aber nur ein weiteres formales Axiom.

Über die Kommunikationsaxiome folgt bald der nächste Artikel.

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