Durch die Krise in die Sackgasse der Depression


von Heinz-Günter Andersch-Sattler

Markus ist 22 Jahre alt. Er sitzt seit 1 Jahr zu Hause – mehr oder weniger. Zu Beginn der Pandemie hat er dem Alleinsein noch einiges abgewinnen können. Das war alles so neu, hatte spannende Aspekte, der Alltag war durchgewirbelt. Markus studiert. Er hat seit 1 Jahr seine Kommilitonen und Kommilitoninnen fast nur online gesehen. Im Sommer letzten Jahres gab es mal eine Unterbrechung, in der er wieder mehr soziale Kontakte hatte. Die Uni blieb aber virtuell. Auch das war anfangs noch interessant und neu, aber zunehmend fehlte der persönliche Austausch.

Und dann kam der zweite Lockdown. Kontakte wieder mehr eingeschränkt. Markus sitzt mehr oder weniger in seiner Bude und brütet vor sich hin, wie er sagt. Im Dezember hat es schon angefangen, dass er weniger rausging. Er hielt sich meist nur noch zu Hause auf, außer zum Einkaufen. Er versorgte sich mit Fastfood: Bloß keine Anstrengung bei der Nahrungszubereitung. Markus besuchte verschiedene Foren im Internet, besuchte die eine oder andere online-Veranstaltung, war aber oft nur physisch dabei, konnte sich zunehmend weniger auf die Inhalte konzentrieren, schaltete ab oder spielte nebenher auf seinem Handy. Nur kurz vor den Klausuren riss er sich zusammen. An das Schreiben der Semesterarbeit war aber gar nicht zu denken. Das erschien ihm alles viel zu groß und nicht bewältigbar. Die meiste Zeit verbrachte er im Internet mit Spielen und auf diversen Portalen, was ihn aber auch nur zunehmend mehr einsam fühlen ließ. Er kam dann zu mir mit einer mittleren bis schweren Depression. Er sah keine Aussicht mehr auf Veränderung seiner Lage, war verzweifelt.

Immer mehr junge Leute werden depressiv

Dieser und ähnliche Fälle kommen in unserer Praxis zunehmend öfter vor. Es sind inzwischen gerade die jungen Leute, die häufiger depressiv erkranken. Insgesamt haben die depressiven Erkrankungen während dieser Pandemie zugenommen. Dass jetzt die jungen Leute depressiv erkranken, und zwar durch die Pandemie mindestens verschärft, wenn nicht sogar ausgelöst, erschreckt mich. Das Potential der jungen Menschen scheint durch die Krise aufgefressen zu werden. Die Lust am Lernen, an Freude, an Neugier, die Abenteuerlust, das Ausprobierenwollen. Das Gegenteil findet statt: Antriebslosigkeit, Gedankenflucht, Unkonzentriertheit, Alleinsein, Einsamkeitsgefühle und vieles mehr. Wo bleibt der Impuls, das Alte einzureißen und das Verstaubte aufzumischen, damit wir wieder mit frischem Wind in eine sowieso ungewisse Zukunft segeln können?

Anstieg der Belastungen durch die Krise

Es ist ja gut, dass diese jungen Menschen zu uns kommen und sich Hilfe holen, um wieder in ihrem Leben ankommen zu können, sich selber zu finden. Klar, derartige Belastungen hat es in diesem Lebensabschnitt schon immer gegeben. Im Zuge der Pandemie beobachten wir aber derzeit einen signifikanten Anstieg. Ich kenne zwar keine Statistik, die das belegen könnte, ich glaube aber auch nicht, dass es Zufall ist, dass eine Häufung solcher Schicksale jetzt in der Praxis auftaucht. Bei manchen ist das noch verstärkt durch Jobverlust infolge der Krise. Es ist einfach deutlich, dass diese jungen Menschen keine Ressourcen mehr haben, um schwierige Situationen bewältigen zu können.

Abhilfe durch ROMPC

Dahinter liegen in der Regel schon lebensgeschichtliche Erfahrungen mit Verlust und Einsamkeit, die in so einer Situation wie jetzt mit an die Oberfläche kommen und die Belastung verstärken. Da wir im ROMPC Mittel zur Bewältigung sowohl der Akutsituation als auch der lebensgeschichtlichen Belastung haben, können wir so komplexe Verknüpfungen gut behandeln. Wichtig ist ja in erster Linie, dass ein Stück innere Beruhigung eintreten kann, damit diese Menschen im Außen wieder mehr an Aktivitäten ergreifen können. Sie brauchen erst einmal einen Lichtblick, um den inneren depressiven und abwertenden Kräften nicht so ausgeliefert zu sein.

Ich hoffe, dass uns die psychischen Folgen dieser Krise nicht noch jahrelang beschäftigen!

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