Verletzte Kinderseelen – Kollateralschaden von Pandemie und Lockdown?


von Heinz-Günter Andersch-Sattler

Die Pandemie hat die Seelen der Kinder erreicht

Peter S. ist mit seiner Familie für einen Ausflug im Auto unterwegs. Die Eltern sitzen vorne, die 2 Kinder – 9 und 6 Jahre alt – hinten. Im Autoradio kommen die Nachrichten. Natürlich gibt es seit über einem Jahr keine Nachrichtensendung, die ohne Meldungen zur Pandemie auskommt. Peter und seine Frau unterhalten sich darüber. Auf einmal verstummen sie, weil die ältere der beiden Töchter laut zu weinen beginnt. Dabei ruft sie verzweifelt: „Ich will kein Covid mehr! Das soll endlich aufhören!“ Als Peter mir davon in der Therapiestunde erzählt, bin ich ganz betroffen davon. Die Pandemie hat die Seelen der Kinder erreicht.

 

Zunahme von psychischen Belastungen

Auch wenn mit der weitgehenden Öffnung von Schulen und Kindergärten die Kinder nicht mehr nur zu Hause eingesperrt sind, so leiden sie in voller Stärke unter den Folgen der Covid-Maßnahmen. Insgesamt haben die Krankschreibungen wegen psychischer Belastungen stark zugenommen, wie aus Berichten der Krankenkassen hervorgeht.i An erster Stelle stehen hierbei die Depressionen.ii In den bisherigen Veröffentlichungen tauchen keine spezifischen Daten bei Kindern und Jugendlichen auf, aber aus einzelnen Verlautbarungen von Ärzten aus Kinderkliniken ist eine außergewöhnliche Zunahme der depressiven und Angst-Erkrankungen auch bei dieser Altersgruppe zu verzeichnen.iii iv

 

Kinder sind mehr auf sich selbst gestellt

Es ist schon oft benannt worden, dass Kinder nicht einfach und unbefangen ihre Freunde treffen können, dass sie die Struktur, die Kindergarten und Schule geben, ein Stück weit verloren haben, dass sie über weite Strecken mehr auf sich gestellt sind, weil sie viele schulische Inhalte weitgehend selber erarbeiten müssen und nicht zuletzt weil sie es zu Hause mit gestressten Eltern im Home-Office zu tun haben, die selber überfordert sind und Unterstützung bräuchten.

 

Eine Welt die nicht mehr lebenswert erscheint

Kinder und Jugendliche leben gerade in einer Welt, die ihnen nicht mehr lebenswert erscheint, die keine Räume für echte Abenteuer und Spiel mit Gleichaltrigen mehr bietet oder zulässt und die einzige Möglichkeit für Spiel und Begegnung auf digitale Medien beschränkt. Hier wissen wir aber inzwischen, dass die wesentlichen Lerneffekte durch den Kontakt mit anderen Menschen und vor allem auch –altersmäßig zunehmend– mit Gleichaltrigen stattfinden. Für die meisten Menschen klappt Lernen, das Aneignen von Lernstoff im Sozialverband besser, als wenn sie allein damit zu tun haben.

 

Nicht genügend psychosoziale Ausgleichsmaßnahmen

Mittlerweile ist die Politik ja wenigstens insoweit umgeschwenkt, als sie den Betrieb von Schulen und Kindergärten möglichst lange aufrecht erhalten will. Aber auch das ist bei den jetzigen Infektionszahlen nur sehr eingeschränkt möglich. Beim Wechselunterricht und beim Home-Schooling vor allem stehen die Einschränkungen für die Kinder und Jugendlichen im Vordergrund: Sie verlieren ihren spontanen Zugriff auf die Welt: Die vielen Vorsicht-Maßregeln, die im einzelnen berechtigt sein mögen, verändern das Verhalten nachhaltig. Psychosoziale Ausgleichsmaßnahmen stehen nicht im notwendigen Umfang zur Verfügung wie Spiel und Sport für Kinder.

 

Beeinträchtigungen bezüglich Ansprechpartnern

Ich habe eine Reihe von Schulsozialarbeitern in Supervision und kriege hier auch mit, welche Not z.T. bei den Kindern und Jugendlichen entsteht, die ihre normalen Ansprechpartner wie die Schulsozialarbeiter ebenfalls nur eingeschränkt und online zur Verfügung haben. Viele melden sich erst relativ spät. Es ist zu vermuten, dass es zu viele gibt, die sich gar nicht melden und die deshalb nicht auffallen. Das ganze Ausmaß der Beeinträchtigungen auf der psychischen Ebene werden wir erst mit der Zeit mitkriegen, wenn mehr entsprechende Untersuchungen vorliegen. So lange können wir mit unseren psychotherapeutischen Mitteln Kinder, Jugendliche und deren Eltern nur bestmöglich unterstützen und ihnen Mut machen.

 

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