„Ich lass mich doch nicht zwingen!“


von Heinz-Günter Andersch-Sattler

So die für viele Menschen symptomatische Reaktion eines meiner Patienten in Bezug auf die Debatte um die Impfpflicht. Und er sagte weiter: „Lieber zahle ich ein Bußgeld.“ Dieser Mensch ist kein Impfgegner. Er wartet auf die Zulassung eines der Totimpfstoffe, die derzeit im Zulassungsverfahren sind und – wie z.B. Novavax – gute Ergebnisse aufweisen. Die Zulassung durch die Impfbehörden dauert – aus welchen Gründen auch immer – länger als die Prozesse bei den bisherigen Zulassungen.

Spaltung durch Pauschalisierung

In der Öffentlichkeit – auch gerade in der Presse – entsteht das Bild eines monolithischen Blocks von Impfgegnern und -verweigerern. In der psychotherapeutischen Praxis sehen wir ein breites Spektrum unterschiedlichster Gründe, warum sich Menschen nicht oder noch nicht haben impfen lassen. Die massive Pauschalisierung und Anklage von „Impfverweigerern“ fördert Spaltung und verhärtet die Fronten. Der Patient aus dem obigen Beispiel zweifelt an der Redlichkeit der Politiker und der Pharmaindustrie, sieht das ganze Vorgehen höchst skeptisch und ist dabei, sich von diesem Staat abzuwenden, weil er in seinen Belangen sich nicht mehr gesehen und wahrgenommen fühlt.

Zweifel und Ängste der „Impfgegner“

Wer hat bisher die nicht unerhebliche Anzahl von Menschen berücksichtigt, die sich aufgrund massiver Komplikationen bei früheren Impfungen nicht einfach blind einem Corona-Impfstoff anvertrauen können und wollen?

Wer anerkennt deren Zweifel und Ängste? Wer nimmt sich ihrer Sorgen und Nöte an? Sie werden einfach in die Reihe der Impfgegner und -verweigerer eingereiht und mit ihren Konflikten allein gelassen.

Ungeimpft – aber genesen

Was ist mit denjenigen unter den Genesenen, die ihre Erkrankung nicht dem Gesundheitsamt gemeldet hatten, die aber durch Antikörpertest eine so hohe Zahl von Antikörpern aufweisen, dass sich nicht impfen lassen müssten? Sie gelten als ungeimpft und nicht genesen.

Vertrauen in Impfstoffe

Und nicht zuletzt sei noch die Gruppe von Ungeimpften erwähnt, die den Impfstoffen nicht vertrauen – ganz individuell und persönlich, ohne daraus eine Kampagne zu machen, die aber sehr sorgfältig darauf achten, niemanden zu infizieren mit Hilfe von Abstand-halten, Masken und Tests, etc. 

Pauschalisierungen

All diese Menschen sehen sich einer Pauschalverurteilung ausgesetzt und in der öffentlichen Debatte schnell ins rechte politische Lager geschoben, wo sie nicht hingehören. Das Verbot für diese Menschengruppe, Geschäfte zu betreten, halte ich für überzogen; denn bislang waren Geschäfte auch kein Hot-Spot für gegenseitiges Infizieren.

Gefahren

Hier sehe ich in der Tat 3 Gefahren:

  1. Die Betroffenen wenden sich von unserem politischen System ab, weil sie sich durch nichts und niemanden vertreten fühlen, obwohl sie sich um Infektionsschutz bemühen mit Tests, Masken und Abstand halten.
  2. Die Stigmatisierung der Ungeimpften treibt diese in eine Art Trotzreaktion: „Jetzt lass ich mich erst recht nicht impfen!“
  3. Die pauschale Verurteilung könnte sie an den Rand der Gesellschaft drängen – mit allen negativen Konsequenzen, die das für die gesamte Gesellschaft nach sich zieht.

Zusammenhalt und Verständnis

Es geht um den gesellschaftlichen Zusammenhalt, der im Moment in Gefahr ist. Es geht um das sich gegenseitig Verstehen-wollen, dass nur noch in der eigenen Blase – mit den Gleichgesinnten – funktioniert. Wir brauchen aber den Austausch untereinander und eine grundlegende Akzeptanz des anderen, auch wenn er anders denkt als ich. Denn wir brauchen das Gespräch über Gräben hinweg, in dem der oder die andere nicht von vornherein einer bestimmten Gruppierung zugeordnet werden, zu der sie sich nicht selbst bekennen und zu der vielleicht gar nicht gehören wollen.

Pauschalurteile verhindern den Dialog, der so dringend nötig ist. Gerald Hüther hat in den letzten Tagen auf Facebook einen Text veröffentlicht, in dem es genau um diese Toleranz und das gegenseitige Verstehen geht. Das brauchen wir mehr denn je.

Aufgabe von uns als Psychotherapeuten

Wir Psychotherapeuten sind prädestiniert, daran mitzuwirken, weil wir über unsere Patienten ein breites Spektrum unterschiedlicher Sichtweisen angeboten bekommen. Wir versuchen, uns in sie hineinzuversetzen, um von innen her nachvollziehen zu können, was die jeweiligen Patienten in ihrer Unterschiedlichkeit bewegt und antreibt. Deswegen können wir gut Auskunft geben über die Motive und Hintergründe des jeweiligen Verhaltens und die vielen Unterschiede, die sich hinter ähnlichem Verhalten sich verbergen.

Zum Glück ist es so, dass wir keine Vorbedingungen an unsere Patienten stellen müssen: Zu uns kann jeder und jede kommen, die in Not ist. Das ist gut so.

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