Scham und Beschämung und deren Behandlung


Scham und Beschämung sind grundsätzlich zwei sehr unterschiedliche Vorgänge, die beide einschränkende Wirkung auf uns und unser Verhalten haben:

Scham ist ein innerer Vorgang,

wenn ich merke, dass etwas von mir nach außen hin sichtbar wird, was eigentlich geschützt, verborgen gehört, weil es in den Bereich der Intimität gehört. Dies ist eigentlich eine vorrangige Funktion von Scham. Wenn wir unsere Intimität nicht ausreichend schützen können, dann entspricht das einer Grenzverletzung. (s.u. Beschämung) Andererseits tritt sie auf, weil ich vielleicht etwas getan (vielleicht auch nur versehentlich getan) habe, was ich aus eigener Überzeugung nicht hätte tun sollen oder was mich im Licht der anderen ungünstig dastehen lässt.

In diesem Sinne ist Scham auch eine Tugend, wie der  sufische Psychologe Almaas[i] sagt. Dennoch kann die Scham zu ausgeprägt und damit wenig hilfreich sein, wie wir das z.B. auch von Schuldgefühlen kennen. Ähnlich wie diese ist die Entstehung allzu ausgeprägter Scham auf Verletzungen zurückzuführen, die meist in der Kindheit entstanden sind. D.h. in Bezug auf Ge- oder Verbote der Eltern ist es mir u.U. trotz allen Bemühens nicht gelungen, erwünscht zu handeln mit der Folge einer ausgesprochenen Enttäuschung bei den Eltern. Wenn wir diese Zusammenhänge herausgefunden haben, dann ist es hilfreich, Entkoppelungstechniken einzusetzen wie wir sie z.B. im ROMPC kennen.

Die Beschämung ist eigentlich eine massive Verletzung der Intimsphäre

und vom Erleben her nahe der Gewalt angesiedelt. Etwas Intimes von mir wird in die Öffentlichkeit gezerrt. Andere machen sich eher über mich lustig, als dass sie mich anklagen oder mir Vorwürfe machen. Beschämung tritt häufig auf in Zusammenhang mit Grenzverletzungen, insbesondere mit sexuellen Grenzverletzungen. Dann hat sie traumatischen Charakter. Die Betroffenen können dann mit überzogener Scham oder mit Scham-Losigkeit reagieren. Es tritt ein Gefühl der Scham beim Betroffenen ein und gleichermaßen finden auch mehr oder weniger gewaltsame Verletzungen statt.

Eine Beschämung ist nahe der Gewalt durch andere anzusiedeln und häufig Teil dieser Gewalt – jedenfalls vom Effekt her auf die betroffene Person. Wenn wir hier die entsprechenden inhaltlichen Zusammenhänge herausgearbeitet haben, dann helfen auch hier Entkoppelungstechniken.

Scham und Beschämung im Doppelpack

Es können natürlich in Bezug auf denselben Vorgang sowohl eine innere Scham berührt sein als auch eine Beschämung vorliegen. Dann müssen beide Aspekte verstanden und behandelt werden.

Was passiert bei Scham im Gehirn?

Diese Zusammenhänge sind mir in letzter Zeit bei einigen Fällen in der Therapie deutlicher geworden. Gleichzeitig habe ich einen Artikel in der Zeitschrift „Familiendynamik“[ii] gelesen, der diese Zusammenhänge theoretisch untermauert.

Der Autor trifft ebenfalls die hier vorgenommene fundamentale Unterscheidung von Scham und Beschämung. Er legt auch die neurobiologischen Vorgänge dar, die der Angst relativ ähnlich sind – von den Folgen her betrachtet: „Wir verlieren bei heftiger Scham unser Vermögen, klar zu denken und zu sprechen, weil wir dabei in einen Zustand existenzieller Angst geraten, in abgrundtiefe ‚Panik und Verzweiflung‘“ (ebd., S. 153)[iii] „Scham ist ein kognitiver Schock, der höhere Funktionen der Gehirnrinde zum Entgleisen bringt. Vernünftiges Denken ist dabei nicht möglich.“ (ebd.) Wir haben es hier also tatsächlich mit ähnlichen neuronalen Schaltmustern zu tun wie bei akuter Angst: Angriff, Flucht, Erstarrung. Diese werden noch ergänzt „Verstecken, Verschwinden, den Wunsch, im Erdboden zu versinken“ (ebd.). Die neurobiologischen Mechanismen sind dazu angetan, die Scham loszuwerden, auch wenn dieser Versuch misslingt.

Der Sinn der Scham

Wir wissen jedoch, dass es nicht sinnvoll ist, Scham loszuwerden, schamlos zu sein. Scham dient uns, indem sie uns, wie schon oben beschrieben, auf etwas zu Schützendes, Intimes aufmerksam macht oder stellt eine Reaktion auf misslungenes Verbergen von Intimem, wozu manchmal auch „Fehler“ gehören, dar. Was ein Fehler ist, hängt natürlich mit meinen Bewertungen und denen der sozialen Gruppe, der ich zugehöre, zusammen.

Im Folgenden führt der Autor verschiedene Formen von Scham an, von denen einige als verletzte Beziehungsbedürfnisse gesehen werden können, denn durch seine Aussagen zieht sich durch, dass die liebevolle Verbindung zu einer nahen Bezugsperson unterbrochen zu sein scheint in der Beschämung. Unter anderem wird der von Bauer zitierte Vorgang angeführt, der die nicht adäquate Beantwortung der Mutter auf das Beziehungsbedürfnis des Säuglings beschreibt. (ebd., S. 156)[iv] Ich glaube, wir können sagen, dass bei jedem verletzten Beziehungsbedürfnis eine Beschämung passiert in dem Sinne, dass ich etwas falsch gemacht haben muss, damit ich so zurückgewiesen oder falsch beantwortet werde.

Was unterscheidet Scham von Schuldgefühlen?

Die Grenze zu Schuldgefühlen ist fließend. Wir erleben häufig, dass Menschen, die Schuldgefühle für Dinge entwickeln, für die sie gar nicht verantwortlich sein können, sich dafür schämen, dass sie nicht das erwünschte Verhalten zeigen konnten, das die Schuldgefühle hätte vermeiden können. Insofern kann es sinnvoll sein zu prüfen, ob in Zusammenhang mit Schuldgefühlen nicht auch die Scham behandelt werden sollte.

Fremdschämen

Zuletzt haben wir noch das, was ein Klient „Fremdschämen“ genannt hat. Wir schämen uns häufig für das Verhalten nahestehender Personen. Entweder wir sehen uns als so stark zugehörig zu dieser Person, so dass wir die Reaktion mitempfinden. Dann sind die Spiegelneurone hoch aktiviert. Oder wir sehen uns als Teil der Sippe, auf die ein Makel zurückfallen könnte im Urteil der anderen oder die Person hat gegen die Werte der Sippe verstoßen. In jedem dieser Fälle geht das Schämen über den engeren Kreis der Person hinaus in das Familiensystem hinein.[v]

 

Scham und Beschämung im Unterschied zum Trauma

Zusammenfassend können wir sagen, dass Scham und Beschämung zwei Vorgänge von großer Wichtigkeit entweder in Zusammenhang mit traumatischen Belastungen oder mit emotionalen Belastungen unterhalb der Schwelle der Traumatisierung sind. Während es in der Vergangenheit häufig um Scham-Vermeidung ging, sehen wir Scham als wichtigen Regulator, der, wenn er verletzt ist, ähnlich behandelt werden muss wie jede Art von offener Gewalt.

 

[i] S. hierzu: Byron Brown, Christine Bolam, Befreiung vom inneren Richter: Die Intelligenz der Seele erkennen, Bielefeld 2001 – Byron Brown ist Lehrer der „Rydhwan School“ von Almaas. Er hat die Grundsätze überschaubar zusammengefasst. Das Thema Scham nimmt darin eine zentrale Stellung ein. Der englische Titel lautet auch bezeichnenderweise „Soul without Shame“.

[ii] Stephan Marks, Scham – grundlegende Überlegungen, in: Familiendynamik 38/2013, S. 152 ff.

[iii] Das eingefügte Zitat ins Zitat stammt von Wurmser, Scham, Schamabwehr und tragische Wahrheit, in: Marks (Hg.), Scham – Beschämung – Anerkennung, S. 19 ff., Berlin 2007

[iv] S. hierzu Bauer, Joachim, Warum ich fühle, was du fühlst, Hamburg 2005, S. 107

[v] Dieser Aspekt der Scham, wird in dem genannten Artikel leider nicht erwähnt.

 

 

 

 

 

 

 

 


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

2 Gedanken zu “Scham und Beschämung und deren Behandlung