Unzufrieden - Mann - Virus

Vom Virus der Unzufriedenheit


Karl ist unzufrieden. Wenn er könnte, würde er alles anders machen. So sagt er es jedenfalls. Er ist unzufrieden mit seiner Partnerin, seinem Job und der Bezahlung, er fühlt sich von Freunden und der Familie ausgenutzt, wurde schon immer von Frauen betrogen. Die Aufzählung könnte munter noch so weitergehen. Alles zusammen erzeugt eine gedrückte Stimmung bei Karl. Diese trägt dazu bei, dass er das Leben eher düster sieht und so gerät er in eine negative Abwärtsspirale. Das Virus der Unzufriedenheit greift um sich.

Die Verbreitung der Unzufriedenheit

Bei Karl kann ich aufgrund seiner Lebensgeschichte gut nachvollziehen, wie er zu diesem Denken gekommen ist. Er hat viel Ablehnung in seiner Kindheit erfahren. Diese Erfahrungen projiziert er in die Zukunft. Er hat irgendwann resigniert, nachdem es für ihn zu viel geworden war, hat die Ablehnung erwartet und konnte allmählich positive Zuwendung nicht mehr wahrnehmen oder diese wurde ihm sogar unangenehm. Karl hatte eine einschränkende Grundüberzeugung über sich gebildet und daraus Gruselfantasien über die Zukunft abgeleitet. Beides zusammen bildet eine Art „Schwarzbrille“, die auch hellstes Sonnenlicht dunkel erscheinen lässt.

Nun ist Karl ja nicht allein mit dieser Unzufriedenheit. Diese scheint sich wie ein Virus über unser Land ausgebreitet zu haben. Bei Menschen, die ich nicht so gut kenne wie Karl, verstehe ich nicht, wie es dazu kommen konnte. Ich frage mich, ob tatsächlich so viele Menschen in unserem Land abgelehnt wurden. Und welche Gründe gibt es sonst noch, diese Unzufriedenheit zu entwickeln?

Wir schränken uns selbst ein!

Da ist z.B. der Vergleich mit anderen, denen es scheinbar besser geht als mir, denen ich das zumindest zuschreibe, obwohl ich es nicht weiß. Denn wer zeigt schon in der Öffentlichkeit, wie es ihm oder ihr wirklich geht? Also sind es im Wesentlichen Annahmen über andere, die mich dazu bringen, unzufrieden zu sein. Allerdings kann es auch so sein, dass ich von nahestehenden Menschen erlebe, wie diese vergleichen – dem ich mich dann auch ausgeliefert fühle.

Und da sind die hohen Ansprüche an mich selbst und andere, die so hoch gesteckt sind, dass ich nur daran scheitern kann. In diesem Fall halte ich mich vielleicht für einen Verlierer und bin mit mir selbst unzufrieden bzw. kann nicht mehr erkennen, welche Fähigkeiten ich eigentlich habe. Vielleicht haben auch hier nur die Ansprüche anderer an mich – häufig die der Eltern – Pate gestanden.

Wie wir die Welt bewerten, so zufrieden oder unzufrieden sind wir

Diese Bewertungen wirken sich auch auf die Zufriedenheitsskala oder Glücks-Skala aus:
Auf der internationalen Skala liegt Deutschland auf Platz 16, immerhin einen ganzen Punkt hinter dem Ersten Finnland (World Happiness Report – Wikipedia). Im Vergleich der Bundesländer fällt auf, dass die ostdeutschen Bundesländer insgesamt geringere Werte in der Zufriedenheitsskala aufweisen und sich nur Brandenburg unter den ersten 8 sich befindet.

Zufriedenheit ist ein kognitiver Vorgang der Bewertung unserer Lebenssituation. Vom Glück ist Zufriedenheit dadurch unterschieden, dass beim Glück emotionale Aspekte deutlicher in den Vordergrund treten und weniger Bewertungen damit verknüpft sind. Mit Glück ist auch nicht gemeint, Glück zu haben; denn diese Formulierung verwenden wir in erster Linie, wenn wir einen unverhofften Erfolg, unerwartete Zahlungen wie einen Lotterie-Gewinn erhalten haben. Glück ist ein emotionaler Zustand, der sich wieder verändern kann. Wir sprechen dann auch von Glücksgefühlen. Glück zu empfinden ist infolgedessen schwankend, während Lebenszufriedenheit eher über längere Zeiträume stabil bleibt (s. hierzu auch https://de.wikipedia.org/wiki/Zufriedenheit). Das gilt auch in der Umkehrung, also für Unzufriedenheit.

Vom Virus „Bewerten – Verallgemeinern – sich schlecht fühlen“

Natürlich können wir auch mit einzelnen Aspekten unseres Lebens zufrieden oder unzufrieden sein, jedoch neigen wir im Großen und Ganzen zu Verallgemeinerungen. Diese erzeugen dann auch wieder ein entsprechendes Gefühl. D.h. hier kommen wir vom ursprünglichen Bewerten zu zugehörigen Gefühlen. Diese sind in erster Linie Ängste, abgewertet oder ausgeschlossen zu werden. Denn wir Menschen sind auf andere angewiesen und ertragen es deshalb kaum, nirgends dazuzugehören. Das beste Zeichen dafür ist das „Abgelehnt-werden“.

Sehen Sie hierzu auch unsere Artikel „Wie mache ich mir das Leben schwer?“ oder „Verschlimmerung durch unser Denken“, in denen wir auch auf Lösungsmöglichkeiten mit der traumatherapeutischen Methode ROMPC verweisen..

Einfluss von Stabilität und Instabilität auf unsere (Un-)Zufriedenheit

In Europa haben wir offenbar eine größere Chance für Zufriedenheit, wenn wir finanziell in stabilen Verhältnissen leben bzw. einen gewissen Wohlstand erlangt haben. Das geht aus einer Umfrage vom NDR hervor, veröffentlicht am 7.11.2023. Da die Verhältnisse, in denen wir gerade leben, instabil durch Inflation, Migration, Kriege, Wirtschaftskrise, Klimakrise sind, müssen wir damit rechnen, dass auch der scheinbar sichere Wohlstand für unsicher gehalten wird. Wenn also die Stabilitätsfaktoren bedroht sind, dann greifen die Mechanismen wieder stärker zu, die die Unzufriedenheit samt den zugehörigen Ängsten befördern.

Verbunden ist das mit größer werdendem Misstrauen in die Politik und die politischen Institutionen bzw. deren Vertreter. Die sind dann die Schuldigen dafür, dass ich in einer instabilen Welt lebe. Von da aus ist es ein kurzer Weg, andere – in erster Linie Politiker – für die Unsicherheit verantwortlich zu machen, obwohl wir selbst einen Teil der Quelle für Unzufriedenheit in uns tragen.

Wir könnten also auch bei uns selbst anfangen und dafür sorgen, dass mehr Zufriedenheit in unserem Leben wieder Platz greifen kann.

Wenn „die da oben“ schuld sind

Das heißt nicht, dass die Selbstfürsorge alle Quellen für Unzufriedenheit, also auch die äußeren Quellen, versiegen lassen könnte. Natürlich sind Fehler gemacht worden, z.T. gravierende Fehler von Politikern, die nicht geahndet wurden. So ist bei vielen der Eindruck entstanden, „die da oben“ können machen, was sie wollen, und sind dafür nicht einmal verantwortlich. Und schon sind wir mitten in der Spaltung von oben und unten. Und wir hier unten können sowieso nichts machen, das können nur „die da oben“ und die wirtschaften nur in die eigene Tasche und kümmern sich gar nicht um uns. Wir, die hier unten, werden zu Opfern von „denen da oben“, werden wieder zu Kindern, die von der unbeschränkten Macht der Eltern abhängig sind. So wirkt sich dann Unzufriedenheit auf der sozialen und politischen Ebene aus. Letztendlich haben wir uns aber selbst durch unser Bewerten und unser Denken zu diesen Opfern gemacht.

Zurück zur eigenen Verantwortung

Ich bin überzeugt, dass diese Art der Unzufriedenheit uns nicht hilft, denn aus der heraus werden wir nur reflexartige Entscheidungen treffen, die aus dem alten Kindertrotz geboren sind, aus dem wir entkommen können, wenn wir uns um uns und unsere Unzufriedenheit selbst kümmern, um den Teil, für den wir die Verantwortung übernehmen können.

Karl ist gerade dabei, das zu lernen.

Wie sich das auswirken auf sozialer und politischer Ebene wird, das weiß ich nicht. Darum geht es ja auch in der Therapie von Karl nicht. In der geht es um ihn persönlich und seine Lebenszufriedenheit. Ich setze darauf, dass, wenn die in Karl gestärkt sein wird, er autonomer in seinem sozialen Alltag handeln kann, auch wenn die Instabilitäten bleiben werden – wovon wir nach jetzigem Wissensstand ausgehen müssen.

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