Coronale Auswirkungen


Ich habe an dieser Stelle schon mehrfach über die psychischen Folgeerscheinungen des „shut down“ und der damit verbundenen Restriktionen geschrieben. Angst und Unsicherheit, um nur zwei zu benennen, wirken sich dabei am stärksten und nachhaltigsten aus und das bis heute trotz oder wegen der zunehmenden Öffnungen.

Nicht-Wissen und Unsicherheit

In Zeiten von Unsicherheit suchen wir nach Sicherheit. Diese gibt es aber gerade nicht. Wir alle sind gezwungen, uns auf der Basis von Nicht-Wissen zu orientieren und Entscheidungen zu treffen (s. hierzu die Sendung von Scobel in 3sat). Über das Virus ist so wenig bekannt, dass wir über die Auswirkungen spekulieren müssen. Sicher ist, dass es in Teilen der Welt eine Übersterblichkeit gegeben hat, die ihresgleichen sucht. Bei uns war es zum Glück nicht so schlimm. Das aber hat im Vorhinein niemand wissen können. Die Sorge war groß, dass es bei uns zu ähnlichen Bildern kommen könnte, wie wir es in Italien in der Region Bergamo verfolgen konnten. Die Wissenschaftler, die sich zu der Pandemie äußerten, haben teilweise im Wochenrhythmus ihre Ansichten geändert. Auch das hat mit dem Nicht-Wissen zu tun, das ständig durch neue Erkenntnisse gefüllt wurde, so dass mehr und mehr Inseln des Wissens entstanden. Es ist Teil der wissenschaftlichen Forschung, dass Annahmen über den Haufen geworfen werden müssen, weil wir über neue Erkenntnisse verfügen. Genau das aber musste in der aktuellen Situation zu massiver Verunsicherung in der Bevölkerung führen. Hierzu gibt es einen ausführlichen Artikel im Berliner „Tagesspiegel“.

Wenn nicht einmal die Wissenschaft weiß, was Sache ist, woran soll man sich dann halten? Insbesondere dann, wenn ständig die Bezugsgrößen der neuesten Infektionszahlen wechseln: von der Verdoppelungsgeschwindigkeit über den R-Faktor zur Zahl der Neu-Infizierten. Letztere wird heute anders berechnet als zu Beginn, so dass sich hier auch plötzlich die Werte von einem zunächst erhöhten Wert zu einem niedrigeren verschoben haben, weil man inzwischen die Anzahl der Vergleichstage erhöht hat. Die in weiten Teilen der Bevölkerung vorhandene Skepsis gegenüber den Wissenschaften hat das nur befeuert.

Sicherheit durch entschlossene Führungspersönlichkeiten

Auf der einen Seite führt dieses Hin und Her zu einem erhöhten Sicherheitsbedürfnis (s. hierzu das Beziehungsbedürfnis nach Sicherheit) und die Bereitschaft bei einem Teil der Menschen nimmt zu, sich Autoritäten anzuschießen. Das drückt sich beispielsweise darin aus, dass Markus Söder so hohe Zustimmungswerte erzielt, weil er mit großer Entschlossenheit in der Runde der Ministerpräsidenten Führung übernommen hat. D.h. wir suchen in so einem Fall die Nähe zu Menschen, die scheinbar wissen, was sie tun. Sie wissen es eigentlich nicht wirklich besser als andere, aber ihre Entschlossenheit erweckt diesen Eindruck und wir schließen uns ihnen gern an, um uns ein bisschen sicherer fühlen zu können.

Vermeintliche Sicherheiten

Auf der anderen Seite entsteht bei vielen Menschen eine Suche nach Sicherheit, indem sie sich selber Regeln geben und Zusammenhänge konstruieren. Unser Gehirn ist eine „Regelextraktions-Maschine“, wie Spitzer das genannt hat. Wenn uns also die Fakten keine Sicherheit geben, weil sie sich ständig verändern, dann konstruieren wir uns Zusammenhänge, so dass sie einen Sinn ergeben. Dann greifen wir im Zweifelsfalle auch zu Verschwörungstheorien, weil die in sich schlüssig klingen und mit hoher Überzeugungskraft vorgetragen werden. Häufig sind die Prämissen, von denen sie ausgehen, nicht richtig, stimmen mit verschiedenen Fakten nicht überein, aber sie bilden ein in sich geschlossenes System und sind in sich schlüssig. Das ist im Übrigen auch bei Wahnsystemen der Fall. Gleichzeitig können sich auch Kritiker an den herrschenden Eliten – gleich welcher politischen Herkunft – damit anfreunden. Hier kommt ein weiteres Element dieser Art des Umgangs mit Nicht-Wissen hinzu: die Weigerung mitzumachen, die Rebellion. Ich will hier nicht jede Art von Protest in den Bereich des Rebellischen und Trotzigen verlegen. Protest und Kritik sind hilfreich und notwendig und gerade keine stromlinienförmige Anpassung. Dort, wo die Kritiker sich selber nicht mehr in Frage stellen oder in Frage stellen lassen, wie bei Verschwörungstheoretikern der Fall, bleibt konstruktive Kritik in der Rebellion stecken.

Beiden Strömungen, die oben beschrieben wurden, ist gemeinsam, dass sie auf der Angst vor allem derjenigen aufbauen, die sich schwer tun, mit Nicht-Wissen und Unsicherheit umzugehen. Neben den verletzten Beziehungsbedürfnissen werden eigene lebensgeschichtliche Belastungen und Traumatisierungen berührt durch dieses Nicht-Wissen. Das führt entweder

  • zu einer Dissoziation und damit zurück zur traumatischen Belastung oder

  • zu einer Regression auf frühere Stufen der persönlichen Entwicklung oder

  • zu Rückgriff auf Schein-Sicherheiten oder

  • zu Entlastung in der Rebellion, weil sie das Nichts-Tun nicht aushalten.

Wenn wir im außen keine Sicherheit erhalten, können wir sie nur in uns selbst finden und in der Verbindung zu anderen Menschen, indem wir uns mit ihnen zusammenschließen und ihre Nähe suchen. Genau das ist in dieser Krise nur sehr eingeschränkt möglich, wie ich schon mehrfach dargelegt habe in dieser Artikelserie. Ein Weg aus dem Teufelskreis ist die Unterstützung durch Psychotherapie und Beratung, indem ich mich mit mir selbst auseinandersetze und so verhindern kann, dass wenigstens die alten ungelösten Belastungen und Traumatisierungen die Gegenwart nicht zusätzlich belasten. Auch hierzu gibt es einen interessanten Artikel von Matthias Riek, der der Spaltung in der Gesellschaft unter dem Trauma-Aspekt nachgeht.

Kontakt und Austausch bereichern uns immer wieder, auch wenn die Menschen, mit denen ich mich austausche, anderer Meinung sind als ich. Und wenn ich bereit bin, meine eigenen Fallstricke zu lösen, um in dieser Krise nicht auch noch dadurch zusätzlich meine Belastungen verstärke.

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