Wie mache ich mir das Leben schwer? Teil 4


Konstruktionsprinzip des Unglücklichseins

Die in den Axiomen aufgeführten Beispiele verweisen allesamt auf ein Konstruktionsprinzip, das sich in der folgenden Geschichte zeigt. Sie ist die nicht in Watzlawicks Abhandlung enthalten, passt aber ausgezeichnet dazu:

Ein Mann sitzt in einem Zugabteil. Er nimmt eine Tüte aus seinem Gepäck, öffnet sie, entnimmt ihr eine Banane, schält diese. Dann holt er aus seinem Gepäck einen Salzstreuer hervor, salzt die geschälte Banane, öffnet das Fenster und wirft die Banane hinaus. Derselbe Vorgang wiederholt sich mit der zweiten und dritten Banane. Da fragt ein anderer Mann im Abteil: „Wieso werfen sie die Bananen aus dem Fenster?“ Unser Bananenfreund antwortet ganz entrüstet: „Ich esse doch keine gesalzenen Bananen!“

Wir könnten unseren Bananenfreund heute einen Umweltsünder schimpfen, weil er Bananen in die Landschaft wirft. Wir könnten auch einwenden, dass man doch keine Fenster in Zügen öffnen könne. Ja, das stimmt heute. Aber das war nicht immer so. Vor nicht allzu langer Zeit konnte man Fenster in Zügen öffnen. Das war sogar die beste Art der Belüftung. Beiden Einwänden ist gemein, dass sie auf einen Nebenschauplatz in der Geschichte verweisen und so von der Hauptaussage ablenken. Dies ist eine Technik, die wir weiter unten noch genauer betrachten werden. Die Hauptaussage: „Der Mann hat sich ja selber die Bananen gesalzen, um sie dann wegzuwerfen“, trifft den Kern, weshalb diese Geschichte hier aufgeschrieben wurde:

Wenn wir es schwer haben im Leben, dann sorgen wir oft selber dafür, und das mit der größten Selbstverständlichkeit, wie unser Bananenfreund das tut. Wir sehen nicht mehr, dass wir selber die Banane gesalzen haben, sondern nur noch das Ergebnis: die gesalzene Banane. Hier fließt natürlich die Überzeugung ein, dass man gesalzene Bananen nicht essen könne, was ja auch nur einer Festlegung unseres Geschmacks und einem entsprechenden Geschmackstraining zu verdanken ist. Deshalb werden die meisten Menschen in unserem Kulturkreis dieser Überzeugung zustimmen, es sei denn sie kommen z.B. aus der Karibik.

Es ist ja gar nicht so ungewöhnlich, dass Menschen, die völlig erschöpft in unsere Praxis kommen und die den ganzen Tag ausschließlich arbeiten, mal abgesehen von ein paar Stunden Schlaf, die dann häufig nicht einmal wirklich erholsam sind, behaupten, sie könnten nicht anders, weil die Dinge eben getan werden müssten, weil das Geld sonst nicht reiche, etc. Diese Begründungen haben eigentlich denselben Status wie die Behauptung, man könne doch keine gesalzenen Bananen essen, und dabei zu verdrängen, dass man sie selber gesalzen hat. Die Gründe, weshalb Menschen ein so hohes Arbeitsniveau einhalten müssen, werden nicht mehr hinterfragt, sondern selbstverständlich vorausgesetzt.

Auf linguistischer Ebene begegnet uns dieser Sachverhalt häufig in Form von einer Präsupposition: Ein einfaches Beispiel dafür ist die Aussage „es zieht“. Hierbei ist präsupponiert, dass sich in einem Haus, in dem sich die Kommunikanten befinden, eine Tür oder ein Fenster geöffnet ist, durch die es zieht. Gleichzeitig kann präsupponiert sein, dass der andere dafür Sorge zu tragen hat, den Grund für „es zieht“ abzuschaffen. Ich setze also als selbstverständlich voraus, dass du dafür zu sorgen hast, dass es nicht mehr zieht. Dadurch dass diese Annahmen implizit sind, also nicht expliziert werden, ist ihnen schwer zu begegnen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*